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Geschichten aus dem Leben: S(ch)icht:Wechsel von Richard J. Schaefer

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Richard J. Schäfer ist ein lebensfroher, liebevoller und hilfsbereiter Mann. Das ist das, was ihn ausmacht. Vor einigen Jahren wurde er in einen Unfall verwickelt, den er glücklicherweise überlebt hat. Seitdem ist er querschnittsgelähmt. In seinem Gastbeitrag erzählt er von seinem Leben und von den Barrieren, die keiner sieht.

Mein Name ist Richard Schaefer. Ich bin 58 Jahre alt und wohne in Linz. Seit einem Unfall 2005 bin ich Rollstuhlfahrer. 2012 habe ich den Verein „Netzwerk Quer-Schnitt“ gegründet. Hier berate ich querschnittsgelähmte Menschen und ihre Angehörigen.

Auch vor meinem Unfall war ich schon im sozialen Bereich zuhause. Von 1979 bis 2005 war ich ehrenamtlich im Rettungsdienst tätig. 1993 habe ich als Gesundheits- und Krankenfachpfleger für Neurologie und Psychiatrie an der Landesnervenklinik Wagner Jauregg diplomiert. Danach folgten Ausbildungen für Traumatologie und Psychosomatik.

1999, als die Lawinenkatastrophe von Galtür passierte, hob ich für das Rote Kreuz das Konzept der Kriseninterventionsteams und die Krisenintervention für Einsatzkräfte aus dem Blaulichtbereich aus der Taufe. Diese ist nach belastenden Einsätzen sehr wichtig zur Stress-Verarbeitung.

Man sollte meinen, ich wäre für traumatische Erlebnisse sehr gut vorbereitet gewesen. Doch dann kam erst alles anders. Am 21. Oktober 2005 leistete ich meinen 125. Rot-Kreuz-Einsatz als Leiter des Kriseninterventionsteams der OÖ RK Bezirksstelle Linz-Stadt. Am Heimweg verunfallte ich unverschuldet.  Seitdem bin ich ab dem Bauchnabel abwärts querschnittsgelähmt und habe eine nur noch teilweise funktionierende Schulterprothese. Diese körperlichen Beeinträchtigungen lösen für mich in weiterer Folge Hindernisse aus, mit welchen man so nicht rechnen würde und verlangen flexible und kreative Lösungen.

Die meisten von Ihnen denken jetzt sicher an bauliche Barrieren. In diesem Beitrag möchte ich Ihnen aber über Barrieren erzählen, die von vielen nicht gesehen werden, mein Leben aber extrem erschweren.

Warum barrierefrei nicht barrierefrei ist

Auch wenn mich die 35 Monate in meiner Erst-Reha nach dem Unfall gut auf mein verändertes Leben vorbereitet haben, musste ich anfangs trotzdem durch eine sehr harte Schule gehen. Dass nichts mehr so sein würde, wie es war, war mir natürlich klar. Doch das alltägliche Leben hielt Barrieren für mich bereit, über die mich niemand aufgeklärt hatte. Als ich dann zum ersten Mal nach meinem Unfall allein in meiner Wohnung lebte, wurde mir dann umso mehr bewusst: Barrierefrei ist nicht gleich barrierefrei.

Das fängt schon bei der Körperhygiene an. In der Früh kam für das Allernötigste, wie beispielsweise zur Unterstützung bei der Körperpflege und dem An- und Umkleiden, ein mobiler Pflegedienst für gerade einmal 45 Minuten vorbei. Nun geschah es eines Tages, dass mich ein Magen-Darm-Virus plagte. In der Pflegdienstzentrale erfuhr ich, dass eine Pflegekraft erst am späten Nachmittag zur Verfügung steht. Die nette Dame am Telefon riet mir, ich solle mich den Tag über möglichst wenig bewegen. Abgesehen von den medizinischen Folgen (Stichwort Ausschlag), können Sie sich bestimmt vorstellen, wie ich mich in den Stunden des Wartens gefühlt habe.

Heute habe ich eine 24-Stunden-Assistenz, die mir in allen Belangen des Lebens hilft. Wenn wir verreisen, zahle ich im Durschnitt für mein rollstuhlgerechtes Zimmer circa 30 - 40% mehr als meine Assistenz für eine ähnliche Unterkunft. Kleiner Tipp für die Hotel-Wahl: Eine italienische Dusche (flach und stufenlos) alleine reicht nicht aus, um ein Zimmer barrierefrei zu machen.

Passend zum Thema Reisen noch weitere Inputs. Mal schnell einen Tagesausflug oder eine Zugreise zu machen, klingt doch großartig. Aber auch dies birgt eine Reihe von Barrieren. So gibt es beispielsweise wenig rollstuhlgerechte Kabinenlifte. Zeit für Umwege zu den teils weit verstreuten barrierefreien Liften muss also eingeplant werden.

Bummelzüge haben oft einen zu schmalen Einstieg bzw. teilweise auch keine Einstiegshilfe. Viele Rollstuhlreisende konnten in den letzten Jahren in Berlin nicht aussteigen, weil zu wenige Personen für die Ein- und Ausstiegshilfe zur Verfügung standen.

Mein persönliches Highlight hatte ich im Autoreisezug 2019 nach Hamburg erlebt. Es war eine Verkettung von unangenehmen Zufällen. Die Reise verlief zunächst problemlos. Doch zwei Tage vor meiner Rückreise wurde ich informiert, dass der Zugwaggon mit dem Mobilitätsabteil aus technischen Gründen ausfällt. Die nächsten Reisetage seien bereits ausgebucht und ich könne in sechs bis sieben Tagen weiterreisen. Es war Mitte August. Auf die Schnelle geeignete und leistbare Hotelzimmer für mich und meine Assistenz zu finden war schier unmöglich. So entschieden wir die Heimreise mit dem Auto anzutreten. Da ich jedoch nur etwa vier Stunden ohne Pause sitzen darf und danach weitere vier Stunden liegen muss, mussten wir eine passende Unterkunft am Wegabschnitt suchen. Was für eine Reise.

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Barrierefrei ist nicht gleich behinderten- oder pflegegerecht.

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