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Gemeinsam Lern-Settings für den Lockdown entwickeln: Persönliche Begegnung und digitale Möglichkeiten

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Im erneuten Lockdown ermöglicht der Paragraf 13 (6) COVID-19-SchuMaV „erforderliche berufliche Aus- und Fortbildungszwecke“ weiterhin als Präsenzveranstaltung durchzuführen. Warum diese Ausnahme - bei sorgsamer Anwendung unter strikter Einhaltung aller Präventivmaßnahmen - in Corona-Zeiten besonders wichtig ist, zeigt ein Blick in die Basisbildung und die Bildungs- und Berufsberatung beim BhW Niederösterreich.

Teilnehmer/innenmit geringer Lese- und Schreibkompetenz, bildungsferne Menschen, Personen in schwierigen Lebenslagen und häufig ohne feste Anstellung sind eine der Zielgruppen im BhW Niederösterreich. Sie bekommen am BhW in den geförderten Schulungen der Basisbildung neben Rechnen, Schreiben, Lesen und digitalen Grundkompetenzen auch sehr viel Unterstützung vermittelt, um einen Einstieg in den Arbeitsmarkt zu schaffen und ihren Alltag zu meistern. Ein Alltag, der seit Beginn dieses Jahrs für viele Menschen zur täglichen Herausforderung geworden ist.

Wie erreichen wir Menschen mit Basisbildungsbedarf?

„Lassen Sie mich eines schon vorweg festhalten: Ein bloßes Distance Learning benachteiligt unsere Zielgruppe aus verschiedenen Gründen noch einmal“, fasst BhW Geschäftsführerin Therese Reinel ihre Beobachtungen zusammen. Ob fehlende Endgeräte oder kein Internet zu Hause, ein hoher Anteil der Teilnehmer/innen verfügt nicht über eine entsprechende technische Ausstattung oder einen Lernort zu Hause. Das kann zum Teil durch Selbststudienmaterialien ausgeglichen werden, bedarf aber einer umfassenden Betreuung durch die Lernbegleiter/innen. „Wenn Unterlagen per Post verschickt werden, fehlt für uns Trainer/innen oft die Resonanz der Teilnehmer/innen über die Bewältigung des Lernstoffs. Es kann dann schnell zu einer Überforderung kommen“, hat Florentina Kritsch, Lernbegleiterin in der BhW Basisbildung, beobachtet. Solche Unklarheiten können in Präsenzveranstaltungen schneller beseitigt werden als im Distance Learning. Häufig können die Teilnehmer/innen Unklarheiten auch nicht oder nur sehr diffus benennen, was eine Klärung und damit einen weiteren Lernfortschritt erschwert.

Dem Alltag Struktur geben

Ein wichtiges Lernziel für eine Integration ins Berufsleben ist es, den eigenen Alltag entsprechend der Notwendigkeiten zu strukturieren. Die Basisbildungskurse schaffen auch Grundlagen und Routinen für die Selbstorganisation, vom Verlassen des Hauses bis zum rechtzeitigen Erscheinen im Kurs.

„Der Großteil meiner Teilnehmer/innen braucht körperliche Anwesenheit, um in den Lernmodus zu kommen“, berichtet Andrea Hintermayer, Lernbegleiterin am BhW Niederösterreich. Das soziale Lernen miteinander und voneinander ist wichtiger Bestandteil, der nicht zuletzt auch wesentlich die Motivation und Selbstorganisationsfähigkeit der Teilnehmer/innen stützt.

Corona-Maßnahmen verstehen

Im Bereich der Selbstorganisation ist während der Corona-Zeit noch eine weitere Lernaufgabe hinzugekommen: Das Corona-gerechte Verhalten. Eine Informationsflut von Berichten in den Sozialen Medien, Zeitungen, aus dem Fernsehen und Radio sowie aus den Informationsstellen gibt an, wie wir uns verhalten sollen und informiert über das Corona-Virus. All diese Informationen zu verstehen und dann richtig anzuwenden, ist für viele Teilnehmer/innen der Basisbildung problematisch. „Bei unserer Zielgruppe leisten wir hinsichtlich der Pandemie teilweise Aufklärungsarbeit, da Medien aufgrund sprachlicher bzw. kognitiver Dispositionen häufig nicht verstanden werden.“ schildert Lernbegleiterin Andrea Hintermayer. Bei den Kursen vor Ort hingegen werden die Teilnehmer/innen auch im richtigen Verhalten in der Corona-Situation und dem sorgsamen Umgang miteinander geschult.

Eine besondere Hürde stellen derzeit die Absonderungsbescheide der Bezirkshauptmannschaften dar. Die komplizierte Sprache ist für Menschen mit Basisbildungsbedarf kaum verständlich, stellt sich ja schon Menschen mit höherer formaler Bildung vor große Herausforderungen.

Bedeutung der digitalen Kompetenzen

Die Teilnehmer/innen, die über eine entsprechende technische Ausstattung verfügen, werden in Online-Schulungen betreut. Intensiv wurde zu Kursstart im September der Einstieg und die Teilnahme an Videokonferenzen geübt. Die digitalen Kompetenzen der Teilnehmer/innen entwickelten sich ausgesprochen gut.

Lernbegleiter Michael Lindenhofer sieht im digitalen Lernsetting noch einen weiteren Vorteil: „Distance Learning ist gut dafür geeignet, die schriftsprachlichen Kompetenzen zu fördern. In meinen Präsenzkursen gebe ich dem gesprochenen Deutsch den klaren Vorrang und passe mich damit an die Erfordernisse im Alltag meiner Teilnehmenden an. Für die Sprachzertifikate ist es aber auch notwendig, ein E-Mail zu schreiben. Dafür nutzen wir nun das Distance Learning als natürliche Lernumgebung.“

Kein Muss, sondern ein Dürfen

Den Arbeitsalltag der Lernbegleiter/innen hat die Corona-Situation massiv verändert. In Präsenz vermittelte Inhalte sind für Distance Learning neu aufzubereiten. Hinzukommen technische Herausforderung: „Nach dem gestrigen Onlinekurstag, der mit mannigfachen technischen Pannen verbunden war und von den Frauen viel Geduld und Motivation gefordert hat,  haben wir alle heute in Präsenz festgestellt, wie gut es uns tut, dass wir uns sehen können, um miteinander zu arbeiten, zu lernen, zu reden und zu lachen. Es ist ein Privileg sich treffen zu können“, beschreibt Lernbegleiterin Brigitte Schönsleben-Thiery.

Sie hält dies als Privileg fest, obwohl die Bedingungen für das Stattfinden von Präsenzeinheiten durch die strikten Präventionsmaßnahmen nur wenig attraktiv erscheinen: Im Raum ist es durch das häufige Lüften kühl, die Teilnehmer/innen tragen die gesamte Zeit Masken, die häufig Laute verschlucken, sodass das Sprechen unverständlich und mühsam wird. Auflockernde Aktivitäten mit Bewegungen im Raum sind gestrichen – überall muss der Sicherheitsabstand eingehalten werden und die zugewiesenen Sitzplätze dürfen nicht verlassen werden.

Trotzdem haben sich die Teilnehmer/innen und Trainer/innen für ein abwechselndes Online- und Präsenzangebot entschieden. Bildungsferne Menschen sind häufig nicht mit einem guten, aktiven sozialen Netz versorgt. Umso wichtiger ist der Austausch zu anderen und die Ermutigung und Bestätigung der eigenen Handlungsfähigkeit.

Beratung auf Augenhöhe

Die Zahl der Ratsuchenden in Fragen zur Weiterbildung oder beruflichen Neuorientierung ist in diesem Jahr massiv angestiegen. „In der Bildungsberatung erleben wir den vermehrten Wunsch der Ratsuchenden, sich persönlich, von Angesicht zu Angesicht, über Weiterbildung und Umschulungsmöglichkeiten zu informieren“, beschreibt Projektleiterin Christa Sieder die Situation in der Bildungsberatung.

Die Bildungsberatung am BhW Niederösterreich bietet seit mehreren Jahren auch eine kostenlose Online-Beratung über eine gesicherte Plattform an. Diese bietet viele Vorteile, weil Ratsuchende ortsunabhängig und zu jeder Tages- und Nachtzeit ihre Fragen stellen können. Die Beraterin beobachten aber auch: „In Onlinesettings ist die Hemmschwelle oft höher, nachzufragen – im persönlichen Kontakt ist es einfacher. Stimmungen und emotionale Befindlichkeiten können nur schwer berücksichtigt werden.“

Erwachsenenbildung am BhW Niederösterreich

Das BhW Niederösterreich begleitet derzeit 480 Teilnehmer/innen niederösterreichweit in Basisbildungsschulungen. Zirka die Hälfte dieser Kurse findet online statt. Präsenzveranstaltungen werden sorgsam mit großem Augenmerk auf die Einhaltung der Präventionsmaßnahmen durchgeführt.

Monatlich werden rund 100 Ratsuchende von der Bildungsberatung am BhW Niederösterreich sowohl Online als auch f2f beraten. Beratungsthemen sind Weiterbildung, Fördermöglichkeiten oder berufliche Neuorientierung.

© Roman - AdobeStock.com

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