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Chefredakteurin des Österreichischen Wörterbuchs im BhW Interview

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Hier und in der März/April Ausgabe des Magazins „schaufenster Kultur.Region“ finden Sie .... nach Gerald Hüther, Lotte Tobisch, Waltraut Haas, Toni Innauer, Konrad Paul Liessmann, Thomas Sykora … das nächste BhW Top-Interview.
Dr. Christiane Pabst ist die Chefredakteurin des Österreichischen Wörterbuchs, ein Best- und Longseller, seit 1951 am Markt und bereits in der 43. Auflage. Im Interview geht es um die Dialekt, leichte Sprache, Digitalisierung, Spracharmut bis hin zur Bedeutung der Basisbildung.

 

Das österreichische Wörterbuch gibt es seit 1951 und gehört zu den erfolgreichsten Büchern. Wer ist hier der Herausgeber?

Es ist ein Long- und Bestseller seit Jahrzehnten. Der Herausgeber ist das Bildungsministerium und es gibt zwei Ausgaben. Die Schulausgabe, die insofern auch in der Schulbuchaktion ist, und die Buchhandelsausgabe. In der Schulausgabe gibt es noch einen Grammatikteil und dadurch auch klassisch für die Verwendung im Unterricht geeignet. Ich lege den Lehrerinnen und Lehrern sehr ans Herz, damit zu arbeiten und es nicht nur als Nachschlagewerk zu behandeln.

Ist es Ihre Aufgabe, auch neue Namen zu suchen?

Ja natürlich, auch neue Begriffe zu finden, die Definitionen immer wieder neu zu überarbeiten, weil sich die Inhalte ändern, erweitern oder es gilt dann oft etwas als abwertend, das bis dahin nicht als abwertend gegolten hat. Das Wort des Jahres wird auch immer auf die Beobachtungsliste gesetzt – heuer übrigens „Vollholler“. Ob es Eingang finden wird oder nicht, das kommt auf die Verwendung und auf die Frequenz an, wie lange es sich in welchen Kreisen hält, also ob es die Medien weiterverwenden oder ob es sich im Internet findet. Wir arbeiten auch mit der Akademie der Wissenschaften zusammen, mit Austrian Academic Corpus. Dort werden verschiedene Corpora immer wieder aktuell gehalten, also vor allem journalistische Texte, aber auch Belletristik, Kinderliteratur, Schülerarbeiten. Diese werden ausgewertet und kommen dann auch ins österreichische Wörterbuch.

Die Wörter, die Ihnen vor kurzem quasi „reingeflogen“ sind, die kommen dann in die nächste Auflage?

Naja, wie bereits erwähnt, es gibt eine Beobachtungsliste. Da stehen dann Wörter wie dissen, liken, Vollholler, Lauch usw. Es sind viele Wörter aus der Jugendsprache, aus dem IT- und Technik-Bereich oder aus der Kindersprache.

Der „Fidget-Spinner“ ist jetzt auf der Beobachtungsliste. Ich dachte mir, da bricht die Begeisterung wieder ab und der fällt weg. Aber das Wort kommt wahrscheinlich in die nächste Ausgabe. Und natürlich auch alles was Österreichbezug hat – wie die Umbenennung der Ministerien – das ist ganz klar.

Wie schaffen Sie kurze, prägnante Definitionen?

Ich bastle schon viel herum, keine Frage. Es kann schon sein, dass ich drei bis vier Mal über einen Artikel drüber gehe. Manchmal schaffe ich es über Beispiele, weil diese dem Verwender viel deutlicher zeigen, in welchem Kontext man es benutzen kann. Mein Traum wäre ein Kontext-Wörterbuch. Online geht das und hier darf ich mich jetzt zum Glück ausleben. Das Spannende ist, in welchen Kontexten welche Färbung des Wortes hervorkommt und wie sich das stilistisch dann anpasst.

Zum Buch selbst – warum hat das österreichische Wörterbuch eine Seitenbegrenzung?

Es liegt daran, dass die Schülerinnen und Schüler nicht mehr schleppen wollen und können. Das ist einfach auch der Wunsch von Lehrerinnen und Lehrern, dass es bei einem Band bleiben soll. Ich kann kein dünneres Papier verwenden, weil es dann einfach unhandlich wird. Das Wörterbuch begleitet die Schülerinnen und Schüler oft acht Jahre. Die Nutzung für die gesamte Unterstufe wäre wünschenswert und dann der Wechsel zur neuen Auflage. Aber dem ist nicht so und daher kommt kein dünneres Papier in Frage.

Wie lange glauben Sie, dass es diese haptische Version noch gibt? Es gibt das Wörterbuch ja auch digital.

Ich glaube, dass diese Version bestehen wird, weil ich der festen Überzeugung bin, dass man im Deutschunterricht mit einem Buch lernen kann und muss, um später dann die digitale Version benützen zu können. Es liegt in der Verantwortung der Lehrerinnen und Lehrer, wann sie auf das österreichische Wörterbuch online umsteigen. Wobei ich der Überzeugung bin, dass das Buch – auch wenn es jetzt die Bestrebung nach mehr Digitalisierung gibt, was ja sinnvoll ist – nicht ganz aus den Unterrichtsstunden verschwinden wird.

Hat aufgrund von Google oder Duden die Bedeutung des österreichischen Wörterbuchs abgenommen?

Die Zahlen sprechen dagegen.

Wie denken Sie über die Diskussion Umgangssprache und Standardsprache? Zum Beispiel das Wort „dreckig“. Darf es in der Schriftsprache sein oder ist es eher derb und plump, wenn man es verwendet?

Derb ist es nicht. Es ist tatsächlich umgangssprachlich, aber wenn es in einem passenden Kontext verwendet wird, dann finde ich, hat es einen Platz. Ich bin von meiner Ausbildung her Deutschlehrerin und ich habe es immer für gut befunden, wenn die Kinder diese Unterschiede in der Sprachverwendung gespürt haben und es sich dann in den Aufsätzen gezeigt hat. Also wenn ein Kind in einer direkten Rede das verwendet oder umgangssprachlich dialektale Ausdrücke benutzt, dann finde ich das eigentlich sehr passend und das soll auch im Wörterbuch zu finden sein. Wir haben zum Beispiel auch „schiach“ im Wörterbuch. Viele fragen, warum „schiach“ überhaupt im österreichischen Wörterbuch zu finden ist. Naja, weil man auch wissen will, wie das Wort geschrieben wird. Es ist ein mundartlicher Ausdruck und warum soll der nicht auch zu finden sein.

Man muss wissen, in welchen Texten was vorkommen darf und soll. Man muss wissen, wann man sich auf welcher Sprachebene zu bewegen hat, und da dann sozusagen drinnen zu bleiben, das ist die hohe Kunst.

Die BhW Niederösterreich GmbH ist auch zuständig für den Bereich der Basisbildung. Diese Menschen verfügen nicht über große orthografische<s>n</s>   Kenntnisse. Daher ist die Benützung des Wörterbuchs eher schwierig. Haben Sie Ideen, wie man das Wörterbuch einfacher verwenden könnte?

Es gibt im Vorwort zur Schulausgabe bzw. in der Kompaktausgabe, die wir jetzt übrigens auch neu auflegen, sozusagen das schmale österreichische Wörterbuch, eine gute Einleitung dazu, wie man auch orthografisch schwierige Wörter finden kann. Genau das ist aber der Punkt, wo ich meine, dass man das nur anhand eines Buches lernen kann. Natürlich kann ich ein Wort auch in die Suchzeile eingeben und wenn ich es falsch schreibe, spuckt mir der Computer auch etwas aus und ich bin zwar dann dort, aber ich habe es damit nicht gelernt. Lernen tu ich einfach durch Begreifen.

Haben Sie Angst, dass die Mundart ausstirbt oder dass zu viele Anglizismen verwendet werden? Gibt es Ansätze, dass die Sprache verarmt?

Sprache wird nie ärmer, sondern es gibt einen Sprachwandel. Die einen sagen, dass der Dialekt schwindet und die anderen, dass uns die Anglizismen überrollen. Das alles passiert nicht. Die Sprache ist ein Bild dessen, worin wir leben mit all unseren Gefühlen, unserer Technik, unseren Hilfsmitteln, unserer geschichtlichen Auffassung. Das ist ein Spiegelbild.

Ich sehe natürlich gerade in der täglichen Arbeit der Wörtersuche, dass viele Anglizismen hereinkommen. Aber wir leben eben in einer globalisierten Welt. Warum dürfen die Anglizismen nicht reinkommen? Warum muss ich unbedingt Wörter finden, die wir sowieso haben? Das Wort „dissen“ kann ich mit einem anderen Ausdruck gar nicht wiedergeben. Versuchen Sie einmal, „dissen“ so zu formulieren, dass man im Wörterbuch eine knappe Definition hat. Unmöglich!

„Liken“ kommt aus dem englischsprachigen Raum, wurde dann aber übernommen mit unserer deutschen Konjugation. Das ist ganz interessant, die betten sich ja wirklich in unsere deutsche Sprache, in unsere österreichische Varietät.

Vor 300 Jahren hatte man Angst, dass uns das Französische überrollt. Nichts ist passiert. Wir haben noch immer dieselben Wörter in unserer Sprache, manche verändern sich, manche verlieren vielleicht an ihrer Bedeutung und dann kommen wieder neue Wörter.

Wie schaut es mit dem Dialekt aus?

Gerade in Ostösterreich haben wir natürlich den Einflussbereich Wien, der sich bis nach Niederösterreich zieht. Im Burgenland oder in Oberösterreich ist es schon wieder aus. Ich komme an und für sich aus der Dialektologie. Meine wissenschaftlichen Fächer an der Universität waren Namenskunde und Dialektologie. Natürlich ist es schön, einen Dialekt behalten zu können. Aber wenn es nicht ist, dann ist es eben so – das ist der Sprachwandel.

Was mir aber immer am Herzen liegt, ist, den Dialekt zu beschreiben. Natürlich geht mit dem Dialekt auch Wissen verloren, nämlich Wissen um bestimmte Techniken, Instrumente oder Arten, wie etwas gebaut wird. Aber das ist eben der Sprachwandel und das war immer schon so.

Wenn man statt Faschiertes das Wort Hackfleisch verwendet, ist das ein Ausdruck der kulturellen Eigenheit?

Auf jeden Fall. Aber es ist beides österreichisch. Man sagt immer, Erdapfel ist österreichisch und Kartoffel ist bundesdeutsch. „Grundbirn“ ist etwas, dass aus dem Dialektalen dann sozusagen immer wieder als Besonderheit zitiert wird, aber grundsätzlich ist „Grundbirn“ nie ein standardsprachlicher Ausdruck gewesen. Das war immer etwas aus dem Dialektalen.

Aber es ist beides österreichisches Deutsch, weil das vorarlbergische Wort dafür ist ja auch Teil des österreichischen Deutsch. Es ist eben alemannisch beeinflusst, genauso wie kleine Bereiche in Tirol auch diesen Einfluss zeigen. Wir haben einfach diese Vielfalt und die ist auch von der Kultur abhängig.

Ganz kurz vielleicht noch als Beispiel, wie in Kärnten, wo slawisch viel vorhanden ist oder im Burgenländischen, wo das Kroatische eben auch in der Standardsprache durchkommt – das ist einfach von der Region abhängig.

Viele Texte sind oft in sehr schwierigem Deutsch geschrieben und für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Basisbildung nicht verständlich. Daher bemühen wir uns, diese Texte in ein leichtes Deutsch zu übersetzen. Was sagen Sie dazu?

Das finde ich sehr gut. Man muss nicht unbedingt alles schwierig ausdrücken, wenn es einfach auch geht. Das macht zum Beispiel auch gute Wissenschaftler aus, etwas so auszudrücken, dass es für alle verständlich ist. Deswegen hat zum Beispiel Werner Gruber (Science Busters) so einen Zulauf, weil er der Erste ist, der Naturwissenschaft so beschreibt, dass ich es auch verstehe.

Das BhW mit dem Slogan „Bildung hat Wert“ ist zuständig für lebensbegleitendes Lernen. Wie kann man Lust an der Sprache fördern?

Bei Jugendlichen könnte und sollte viel über die Musik gehen. Es gibt unglaublich innovative Songwriter mit ganz tollen Texten. Wenn man das ein bisschen forciert, dann kämen die Jugendlichen wieder vermehrt zur Sprache.

Also über das Poetische? Nicht im Sinne von Lyrik.

Ich sage das jetzt nicht, weil es poetisch ist, sondern weil es eine Möglichkeit ist, wie man die Jungen wieder für Sprache begeistern kann. Wir haben wirklich tolle Songwriter in Österreich, auch Rapper. Aber auch Leute, die im Arbeitsalltag sind, über einfache Belletristik. Ich glaube, diese Spracharmut hängt damit zusammen, dass die Verlage Kurzformen nicht mehr so leicht und gerne drucken. Es ist immer alles lange Prosa oder Theater – das ist etwas, das kriege ich an 10 Prozent der Bevölkerung. Aber Kurzgeschichten – kennen Sie einen Verlag, der noch gerne Kurzgeschichten druckt? Ich eigentlich nicht und schon gar keinen österreichischen.

Aber jetzt boomen gerade die Krimis und Landkrimis.

Ja, aber das ist Langform. Ich glaube, dass man mit so kurzen Prosatexten, die pfiffig sind, die kabarettistisch sind, die ins Satirische gehen, die Leute wieder zurückholen kann zur Sprache.

 

Christine Spindler, Nicole Malina-Urbanz und Martin Lammerhuber im Gespräch mit Dr. Christiane Pabst

Dr. Christiane Pabst studierte Germanistik, Philosophie, Psychologie und Pädagogik für Lehramt an der Universität Wien. Ausbildung zur Trainerin für Kinder mit Teilleistungsschwächen. Tätigkeit am Institut für Angewandte Sprachwissenschaft an der UFMG in Belo Horizonte (Brasilien). Seit 2014 Chefredakteurin des österreichischen Wörterbuchs.

 

BhW Wordrap

Meistgesuchte Wörter – Das sind Schimpfwörter.

Das emotionalste Wort – Liebe.

Gendern – Ja, mit Augenmaß.

Schwieriges Wort – Alles, was neu in der Rechtschreibung kommt, ist für die Menschen schwierig.

Rechtschreibreform – Notwendig.

Schulnoten – Wenn die Noten das beschrieben, was dahinter steht.

Gebärdensprache – Ganz wichtig.

WhatsApp – Eine Form der mündlichen Kommunikation, die man schriftlich erledigt.

Sprache im Tierreich – Interessant.

Artikel – Immer wieder ein Problem für Leute, die nicht deutscher Muttersprache sind. Kaum zu erlernen.

Redezeit – Immer zu kurz.

Fachsprache – Wenn es im Fach bleibt, wichtig. Außerhalb reduzieren.

Niederösterreich – Kombination von Stadt, Land und angenehmer Atmosphäre.

Politikerin, Politiker – Schwieriger Job.

Alternatives Wort für lecker – köstlich.

Blocksprache – Manchmal zu kurz.

Sprache, die radikalisiert – Aktuell und gefährlich.

Persönliches Lieblingswort – Alexander, das ist der Name meines Sohnes.

Persönliches Unwort – Ausgrenzung.

Buchstabensuppe – Etwas für die ganze Familie.

vlnr Projektleiterin der BhW Basisbildung, Chefredakteurin des Österreichischen Wörterbuchs Dr. Christiane Pabst, BhW und Kultur.Region.Niederösterreich-Geschäftsführer Martin Lammerhuber, Abteilungsleitung Leseförderung und Zeit Punkt Lesen Mag. Nicole Malina-Urbanz, BA

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