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Behindert zu sein bedeutet lediglich, etwas nicht zu können, was andere können.

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Am 3. Dezember ist er wieder – der internationale Tag der Menschen mit Behinderung. Dies ist ein von den Vereinten Nationen ausgerufener Gedenk- und Aktionstag, der das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die Probleme von Menschen mit Behinderung wachhalten und den Einsatz für die Würde, die Rechte und das Wohlergehen dieser Menschen fördern soll. So die offizielle Schreibweise.

Welche Bilder tauchen beim Zuhörer auf, wenn man über Behinderung spricht? Meist stellt man sich zwei Gruppen vor: geistig behinderte und körperlich behinderte Menschen. Jedoch gibt es mehr Behinderungen: zum Beispiel Menschen, die eine Sprechbehinderung haben. Oder eine psychische. Oder Lernbehinderung. Spricht man von einer Sinnesbehinderung, ist eine Störung beim Sehen und/oder Hören gemeint.

Behinderung ruft keineswegs nach Mitleid.
Behinderte brauchen kein Bedauern, keine Überbetreuung und schon gar nicht gut gemeinte Bevormundung. Was hilft, ist partnerschaftliche Anerkennung als vollwertige Menschen, eine Motivation zur Selbstständigkeit und Hilfe dort, wo es gar nicht anders geht.
Bei diesen Zeilen denke ich an meinen besten Freund und wie er mit seiner Behinderung umgegangen ist. Knapp 30 Jahre saß er im Rollstuhl, weil ihm sein Motorrad trotz geringer Geschwindigkeit weggerutscht und mit ihm unter einer Leitplanke liegen geblieben ist. Um seine Haltung zu beschreiben, reichen zwei seiner zahlreichen markanten Bemerkungen. Einmal wollten wir mit Bekannten ein Restaurant besuchen. Am Weg dahin rief er uns zu: „Wenn ich euch so beim Gehen zusehe, bin ich froh, dass ich das nicht tun muss!“  Und oft meinte er auch: „Ich bin ja nicht behindert, ich kann nur nicht gehen!“ Damit brachte er es auf den Punkt.

Worte sind das Gewand, in das wir unsere Gedanken hüllen.
Immer wenn wir uns mit dem Thema Behinderung auseinander setzen, steht zu Beginn die Entscheidung der richtigen Wortwahl. Worte vermitteln Werthaltungen, Vorurteile, also positive sowie negative Einstellungen. Bezeichnungen wie „Krüppel“ sind im allgemeinen Sprachgebrauch so gut wie verschwunden. Aber wie sieht es mit den anderen Begriffen aus? Liliputaner, mongolid, Spastiker usw.? Ist es nicht besser zu überlegen, ob jemand „behindert ist“ oder ob er eine „Behinderung hat“? „Besondere Bedürfnisse“ – hat ein Mensch mit Behinderung diese wirklich oder grenzen wir ihn mit diesem Begriff bereits aus?
Sicher, ein Mensch, der im Rollstuhl sitzen muss, wird gerne als „an den Rollstuhl gefesselt“ bezeichnet. Bei diesen Beispielen – und es gäbe eine Menge weiterer – reduziert die verwendete Sprache den Menschen nur auf den Aspekt der Behinderung. So eine Sprache grenzt aus!
Organisationen wie zum Beispiel der in Linz ansässige Verein „freiraum-europa die expertInnen für Barrierefreiheit“ bieten Schulungen an, in denen KursteilnehmerInnen in praktischen Übungen in die Welt der Menschen mit Behinderung eintauchen können und der richtige Sprachgebrauch vermittelt wird. Ziel ist es, diese Menschen als Teil unserer Gesellschaft zu sehen und sie weder zu stigmatisieren noch an den Rand der Gesellschaft zu rücken. Sprache muss hier zeigen, dass eine Behinderung nicht das komplette ICH eines Menschen ausmacht!

Behindert ist man nicht, behindert wird man.
Menschen, die so denken, setzen einen Perspektivwechsel in Gang. Sie sehen die Behinderung nicht als persönliches körperliches Defizit, sondern als ein Resultat aus all den verschiedenen Barrieren, die das Umfeld bereithält. Menschen, die so denken, nehmen die Lebensbedingungen ins Visier und wir werden aufgefordert, bessere Zugänge zu schaffen. In diesem Denkmodell liegt die Verantwortung in der Gesellschaft: Nicht der Mensch mit Behinderung muss sich anpassen, sondern Politik und Menschen müssen Bedingungen schaffen, die die Inklusion ermöglichen. So gesehen besteht eine Behinderung nicht darin, weil jemand im Rollstuhl sitzt, sondern dass er/sie wegen fehlender Rampen nicht über die Stufen kommt. Oder ein gehörloser Mensch im Museum an keiner Führung teilnehmen kann, weil das Museum keine Führung mit Gebärdensprache anbietet. Behinderung ist eine Wechselwirkung zwischen der eigenen Beeinträchtigung und den umgebenden Barrieren. Ziel ist es, eine Teilhabe für Menschen mit Behinderung zu erreichen, so dass behinderte Menschen nicht mehr über Barrieren, Ausgrenzung und Benachteiligungen nachdenken müssen. Weltweit denken kreative Menschen darüber nach, wie man Dinge des täglichen Gebrauchs im Sinne von Design-for-all so entwickeln kann, dass auch Menschen mit Behinderungen diese verwenden können.

Barrieren im Kopf der Gesellschaft.
Sehr oft herrscht noch immer in der Gesellschaft die Meinung vor, dass man bei einer körperlichen Behinderung auch einen eingeschränkten Verstand hat. Wegen dieses Vorurteils stoßen Menschen mit Behinderung, die Karriere machen möchten, sehr oft auf Widerstände und Unverständnis.
Menschen mit Körper-Behinderung sind zu allem im Stande, wenn man sie nur lässt. In unserer Gesellschaft, die sich gerne so offen gibt, ist diesbezüglich ein Paradigmenwechsel notwendig. Behinderte Menschen dürfen nicht auf ihre Defizite reduziert werden, sondern müssen integriert und inkludiert werden. Sonst haben wir nicht Behinderte in der Gesellschaft, sondern eine behinderte Gesellschaft.

 

www.freiraum-europa.org

 

Text: Ing. Robert Höfer - freiraum-europa

Ing. Robert Höfer - freiraum-europa

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