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Eine Bilanz des Schreibens: Autor/innen im Gespräch – und das online

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„Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg zum Propheten kommen.“ Ein Sprichwort, das wir alle kennen und das vielfach verwendet wird. So auch: Wenn der Mensch nicht zur Lesung kommen kann, kommt die Lesung zu den Menschen… Gedacht ist es ja schnell, aber wie setzt man das dann um?
Nur eine Lesung: online viel zu langweilig. Nur ein Gespräch: irgendwie zu eintönig und für den/die eine/n oder andere/n eher introvertierte/n Autor/In womöglich ausgesprochen herausfordernd. Außerdem was passiert dann mit dem Achterl Wein oder Apfelsaft, das man üblicherweise nach einer Lesung gemeinsam trinkt, während man sich unterhält und über das soeben Gehörte austauscht?
Alles zusammen allerdings ergibt, fügt man den Faktor „online“ noch dazu, die BhW AutorInnen-Gespräche: Eine kurze Lesung, gefolgt von einem Austausch unter den Teilnehmer/innen in Break-Out Räumen und einem Gespräch mit der Autorin/dem Autor zum Abschluss.
Nach einer Anmeldung war der Zoom-Link und so der Zugang zum jeweiligen Gespräch rasch verschickt und ein Fragebogen zum aktuellen Buch hat dabei geholfen, auch den Teilnehmer/innen das Mitreden zu erleichtern, die der „online-Sache“ noch reserviert gegenübergestanden waren. Nur für das Getränk war man selbst zuständig. Fein waren sie, die sechs Abende in literarischer Runde.
Nur, eine Lesung „in Person“ kann kein Online-Format ersetzen. Aber ein Online-Gespräch ist eine gute Alternative für die Zeiten, in denen ein persönliches Treffen nicht möglich ist. Denn geschrieben wird immer und gelesen auch.  

In zwei Dingen waren sich die sechs Autor/innen des BhW AutorInnen-Gesprächs dann auch einig. Zum einen, dass die am meisten abgenutzte Taste auf ihrem PC die Leertaste ist und zum anderen, dass ihre Kindheit geschichtenreich war.
Überspitzt formuliert: wenn man den/die nächste/n Pulitzer-Preis-Gewinner/in in der eigenen Familie aufwachsen sehen will, dann ist das Vorlesen und die Förderung des frühen Selbst-Lesens, obligatorisch. Beides führt unweigerlich zum Schreiben. Der eigenen Fantasie sind dann keine Grenzen mehr gesetzt. Und ist man erst einmal im Schreib-“flow“, schafft man ein Manuskript sogar in sechs Wochen. Zumindest laut Menerva Hammad. Cornelia Travnicek hingegen hat für „Feenstaub“ sieben Jahre gebraucht. Die Schreibrealität findet sich wahrscheinlich irgendwo dazwischen. So wie bei Daniel Wisser - 3 Jahre, René Freund - 1 Jahr, Katharina Grabner-Hayden – 6 bis 9 Monate und Thomas Sautner liefert im Schnitt alle 2 Jahre ab.
Stephen King braucht auch nicht länger. Seine Bücher gehören zu den eher umfangreicheren und trotzdem gibt er sich für das Niederschreiben seiner Manuskripte strikt nur drei Monate. In dieser Zeit schreibt er diszipliniert und täglich über mehrere Stunden hinweg, und zwar genau so lange, bis er sein Seiten-Soll erreicht hat. Ob ihn das mit den Autor/innen des BhW AutorInnen-Gesprächs eint, ist schwer zu sagen. Eines seiner Interviews hat der König des Horror-Genres in den 80-iger Jahren allerdings an seinem Schreibtisch gegeben. Es ist sein Ort des Schreibens.

Literatur aus dem Kaffeehaus
Die sechs Autor/innen der BhW AutorInnen-Gespräche zieht es aber vermehrt – und vielleicht typisch österreichisch – ins Kaffeehaus. Das 1897 geschlossene Café Griensteindl war und ist geschichtlich gesehen, dafür wohl das bekannteste in Wien. Gefolgt vom Café Central. Arthur Schnitzler, Robert Musil und Hugo von Hofmannsthal sind nur drei der vielen Kaffeehausliteraten. Erich Kästner und Stefan Zweig zog es in Berlin in das „Romanische Café“ oder in das „Größenwahn“. In Prag traf man Franz Werfel im „Café Arco“ und in Triest, im „San Marco“, schrieb unter anderem James Joyce. Unsere SchriftstellerInnen befinden sich also in bester Gesellschaft und folgen einer, in Österreich geborenen Tradition der Kaffeehausliteratur. Bei einer Melange und einem Buttersemmerl fließen die Gedanken offenbar ganz hervorragend.
Nur, nach der Arbeit ist vor der Arbeit, denn die des Schriftstellers ist, solange es Buchstaben gibt auf der Welt, nie zu Ende. Und so verbringt man die Abende mit „Überstunden“: wer schreiben will muss lesen. Viel, alles und (be)ständig. Unsere Autor/innen halten sich daran. Bei Cornelia Travnicek liegen gleich 35 ungelesene Bücher neben dem Bett; Katharina Grabner-Hayden beendet ihren Tag – wie könnte es auch anders sein - humoristisch mit Hugo Wiener und Michael Niavarani. René Freund hat sich für „Jokerman“ von Stefan Kutzenberger entschieden; Daniel Wisser hielt sich eher bedeckt und Thomas Sautner hatte im März 2021 den damals „neuen Ransmayr“ als Nachtlektüre auf dem Kastl neben dem Bett liegen. Nur Menerva Hammad liest am Abend nicht. Sie hat zwei kleine Kinder und da ist das Vorlesen jetzt wichtiger (Sie erinnern sich – der Pulitzerpreis…).
Trotzdem oder gerade weil unsere Autor/innen nicht unterschiedlicher hätten sein können, waren es sechs tolle, teils lustige, aber auch tiefgründige, literarische Gespräche mit regem und auch manchmal kritischen Austausch zwischen den TeilnehmerInnen und dem Autor/der Autorin.
Aber was bleibt ist, dass das Lesen und das Schreiben zusammengehören und uns die Welt der Bücher und die der Literatur seit Jahrhunderten begleiten. Und wenn wir es zulassen und uns darauf einlassen, entführen sie uns auch heute noch aus unserem Alltag in anderen Welten und erweitern irreversibel unseren Horizont.

Die besprochenen Bücher in einer Übersicht:
Thomas Sautner – Die Erfindung der Welt
Cornelia Travnicek – Feenstaub
Katharina Grabner-Hayden – Endlich Ruhe!
Menerva Hammad – Wir treffen uns in der Mitte der Welt
René Freund – Das 14 Tage Date
Daniel Wisser – Wir bleiben noch

Stapel mit Büchern. Darauf steht eine rosa farbene Tasse.

© Brigitte Svejcar, photokozyr - AdobeStock.com

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