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Akzeptieren, dass man nicht permanent Hilfe braucht

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Im Interview: Sabine Weber-Treiber

Sabine Weber-Treiber ist derzeit die erfolgreichste Schwimmerin im österreichischen Behindertensport. Nach einer Viruserkrankung 2009 querschnittgelähmt war sie bereits 2012 bei den Paralympics in London dabei und vertritt heuer Österreich in Rio. 

Auf der Homepage ist mir sofort der Satz aufgefallen: „… jonglierend zwischen Familie, Begeisterung und Sport. Nothing is impossible!“ Wie kann man das kurz ein bisschen konkretisieren?

Sabine Weber-Treiber: Es ist manchmal ein bisschen wie in einem Zirkus, darum jonglierend, da die Familie andere Bedürfnisse als den Sport hat – oft lässt sich beides verbinden. Die Kinder leben mittlerweile meine Begeisterung für den Sport voll mit. Also am Vormittag bin ich die Person, die den Sport mit Leidenschaft und Konzentration ausübt und am Nachmittag bin ich dann wieder die Mama. Jetzt habe ich überhaupt das Privileg, nur Mama und Sport zu verbinden, sonst verbinde ich dann den Beruf auch noch.

Sie sind Bankangestellte?

Sabine Weber-Treiber: Ich arbeite in der Bank und habe das Privileg der freien Zeiteinteilung. Das heißt, wir haben ein Arbeitspensum vereinbart und ich teile mir das ein, wie es in meinem Wochenablauf am besten hineinpasst. Wenn man es nur will, dann bringt man alles unter einen Hut.

Gab es vor der Erkrankung 2009 auch schon diese Begeisterung für Sport?

Sabine Weber-Treiber: Ich war immer schon im Leistungssport zuhause. Ich hab in jungen Jahren Landhockey gespielt bis zum Autounfall im Jahr 2000. Nach dem Autounfall ist es nicht mehr gegangen, weil die Beweglichkeit in der Wirbelsäule nicht mehr so gegeben war. Ich habe dann zum Laufen angefangen und das Laufen aber sehr exzessiv betrieben mit der Marathondistanz. Also die Grundlage und die Ausdauer waren wirklich da. Der exzessive Sport ist mit der Reha gekommen. Ich bin unter den Top Ten der Welt und das ist ein Knochenjob.

Haben Sie sich vor Ihrer Krankheit mit dem Thema Behinderung auseinandergesetzt?

Sabine Weber-Treiber: Ich habe den Autounfall 2000 gehabt und bin fast vollständig genesen. Ich habe zwar die Wirbelverletzungen gehabt, aber ich war gehend. Wir haben zwei Tage, bevor die Erkrankung 2009 ausgebrochen, ist ein Kaufanbot für eine Wohnung unterschrieben, die im dritten Stock ohne Lift war. Mein Mann war in den ersten 14 Tagen, wo ich im Krankenhaus war, so im Ausnahmezustand, dass er natürlich nicht gleich daran gedacht hat, den Makler zu informieren, dass wir die Wohnung eventuell gar nicht nehmen können. Wir haben dann von diesem Kaufanbot zurück tretenwollen. Das war dann ein ziemliches Trara mit Anwalt und Co. Dann hat sich die Suche nach einem neuen Eigenheim, das allen Anforderungen entspricht, sehr schwierig gestaltet. Egal, ob wir uns einen Neubau angeschaut haben oder einen Altbau. Ich meine, da geht wirklich irgendetwas schief, denn wir müssen sehen, dass die Bevölkerung immer älter wird. Das heißt auch, wenn manche jetzt nicht aufgrund einer Verletzung oder einer Erkrankung behindert sind, werden sie einfach unbeweglicher, wenn sie älter sind und irgendwann sind sie alle dann darauf angewiesen.

Selbstbestimmtheit, wo hat sie ihre Grenzen dann gefunden? 

Sabine Weber-Treiber: Man muss schon lernen, Hilfe anzunehmen. Die anderen müssen aber auch akzeptieren lernen, dass man nicht permanent Hilfe braucht. Das ist so ein Lernprozess gewesen. Ich muss gestehen, das war etwas, was sehr schnell vonstatten gegangen ist bei unserem Freundeskreis und auch in der Familie. Das war nie ein Problem.

Gibt es Veranstaltungen oder Orte, wo Sie sagen, da würde ich schon gerne einmal teilnehmen, aber aufgrund fehlender Barrierefreiheit geht es nicht?

Sabine Weber-Treiber: Am Wochenende haben wir ein Erlebnis gehabt, das mich zu einem Mail an den Geschäftsführer veranlasst hat. Wir waren im Familypark in St. Magarethen und bis jetzt war es noch nie ein Thema, dass ich mitfahren darf, wenn ich selber in das Fahrgeschäft überwechseln kann. Diesmal war es ein Thema. Ich habe in die „Rattenmühle“ nicht einsteigen dürfen, obwohl ich die letzten vier Jahre mit dem Ding immer gefahren bin. Man hat gesagt: „Das ist die neue Regel, Rollstuhlfahrer dürfen nicht damit fahren.“ Das Einzige, was sie machen müssen, ist, den Rollstuhl fünf Zentimeter wegschieben. Ich meine, wenn ich Hilfe beim Ein- und Aussteigen brauche und dadurch den Ablauf des Ganzen massiv verzögere, sehe ich es natürlich ein, aber wenn dies nicht der Fall ist, warum soll ich dann nicht damit fahren können. Also ich kenne keinen mit Behinderung, der seine Behinderung nicht so weit einschätzen kann und ich würde nie jemand anderen deswegen jetzt in Gefahr bringen. Das habe ich ihm auch so geschrieben. Bin schon gespannt, was er mir zurückschreibt.

Gibt es ein paar Geschichten oder Ups, Hoppalas, die einem als Rollstuhlfahrer passieren?

Sabine Weber-Treiber: Unlängst war ich mit den Kindern schwimmen. Luisa ist die Rutsche hinuntergerutscht und dann beim Rutschenauslauf gegen die Strömung geschwommen und hat sich dann natürlich ein bisschen schwergetan. Dann habe ich gemerkt, dass sie müde wird und bin aus dem Rollstuhl ins Becken hinein, um ihr zu helfen. Uns ist der Bademeister nachgehüpft, weil er geglaubt hat, ich bin aus dem Rollstuhl herausgefallen. Erst wie er dann gesehen hat, wie ich schwimme und was ich für einen Oberkörper habe und dann auch noch Leute gekommen sind und mich begrüßt haben, hat er gesagt: „So, und jetzt erklären Sie mir mal, wer Sie eigentlich sind?“ Sage ich: „Na ja, ich schwimme bei den Olympischen Spielen.“

Sie reisen gerne und auch viel – beruflich und natürlich auch privat. Wie liegt Österreich, wenn man das Thema Barrierefreiheit oder „rollstuhlgerecht“ hernimmt?

Sabine Weber-Treiber: Es ist eigentlich ganz erstaunlich und für mich manchmal auch ein bisschen bedrückend und fast traurig, dass Österreich da leider im unteren Mittelfeld liegt und rangiert. Es wird zwar besser, aber es ist einfach noch nicht durchgedrungen. Es sind oft wirklich Kleinigkeiten, die ohne großen Aufwand zu ändern wären.

Wir waren gemeinsam bei der „Stadtbegehung barrierefrei“ in Mödling unterwegs. Macht das Sinn, in Gemeinden solche Sensibilisierungsarbeit zu leisten?

Sabine Weber-Treiber: Ich glaube, das war sehr bezeichnend. Der Vizebürgermeister war ja dabei, aber es war halt der Vizebürgermeister, vom Bauamt war ja nur einer dabei, aber nicht der Leiter. Also es ist die zweite Garde quasi vorgeschickt worden und die zweite Garde ist dann auch ziemlich schnell ermüdet gewesen, wie sie gesehen hat, wie viel Bedarf da noch gegeben ist. Gerade in Mödling wurde in den letzten fünf Jahren sehr viel umgebaut und erneuert, wobei bei den Erneuerungen eher auf die Ästhetik und auf das Stadtbild Wert gelegt wurde als auf Barrierefreiheit. Das fängt beim Schrannenplatz an, wo der Brunnen versetzt wurde. Dadurch ist jetzt das Gefälle sehr steil. Da rutschen die Leute der Reihe nach aus. Aber es ist schön.

Aber jetzt geht es ja Richtung Rio. Sie freuen sich darauf?

Sabine Weber-Treiber: Ja sehr. Jetzt ist ein unbeschreiblicher Moment.

Wir alle drücken die Daumen, dass alles gut über die Bühne geht und dass das Team mit vielen Medaillen nach Hause kommt ...

Sabine Weber-Treiber: Das wünschen wir uns alle, ja. 

Mehr Informationen zur Person: http://www.webertreiber.com/ Sendezeiten Paralympics im ZDF und Ersten: http://rio.sportschau.de/rio2016/paralympics/radio_tv/index.html Starts von Sabine Weber-Treiber: 

  • 10. September 2016 50 m Freistil
  • 11. September 2016 100 m Brust
  • 17. September 2016 100 m Freistil

Interview: Alfred Luger
Projektleiter Barrierefreie Erwachsenenbildung in Niederösterreich
BhW Bildungs - und Heimatwerk Niederösterreich GmbH

Dieses Interview ist auch in der September/Oktober 2016 Ausgabe der ZeitschriftSchaufenster der Kultur.Region.Niederösterreich nachzulesen.

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