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Lust am Lernen ist Lust am Leben!

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Sind Sie mit dem Navi zu unserem Treffen gekommen? Sind Sie jemand, der sich gerne fernsteuern lässt?

Nein, auf keinen Fall. Mein ganzes Leben lang versuche ich mir immer wieder bewusst zu werden, wo ich hingehöre und das dann auch selber in die Hand zu nehmen.

Wunderbare Untersuchungen zeigen, wenn sich jemand sehr viel im Raum orientiert, dass er stärkere Vernetzungen im Hirn aufbaut, mit deren Hilfe er sich auch im Raum zurechtfindet. Wenn man die ganze Zeit nur mit dem Navigationsgerät herumfährt, weiß man am Ende nicht mehr wie es geht und hat auch nicht mehr diese Vernetzungen, damit man sich an örtlichen Gegebenheiten orientieren kann.

Sie werden als Hirnforscher bezeichnet. Wie sieht Ihre Arbeit aus?

Ursprünglich habe ich Biologie studiert und mich sehr intensiv mit der Arbeitsweise unseres Nervensystems befasst. In weiterer Folge, wie unser menschliches Hirn funktioniert. Ich habe eine Forschungsabteilung in einer psychiatrischen Klinik aufgebaut, dass wir besser verstehen, was im Hirn von Menschen passiert, wie Therapien wirken und worauf es ankommt, dass diese Menschen wieder gesund werden.

Dabei bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass ungefähr zwei Drittel dieser Patienten, die in psychiatrischen Kliniken waren, in ihrem Leben wahrscheinlich nie dorthin gekommen wären, wenn sich vorher jemand mit ihnen unterhalten hätte. Nicht vierzehn Tage vorher, sondern dass sie vielleicht schon als Kind gemerkt hätten, von jemandem echt angenommen zu werden. Es geht um den Menschen, mit dem man sich austauscht, wo Begegnung stattfindet.

In jedem Einzelnen steckt viel Potenzial und die Entfaltungsmöglichkeiten wären und sind groß.

Sie sind in Ihren Büchern und Vorträgen ein Mutmacher, propagieren einfache Dinge, die letztendlich aber dann doch schwierig sind, wie zuhören, reden und Respekt zeigen.

Wir haben in unserer Gesellschaft kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Solange es noch so viele Menschen gibt, die unter Bedingungen groß werden, dass sie zum Objekt von Bewertungen, Erwartungen, Belehrungen gemacht werden, können junge Menschen nicht das Gefühl entwickeln, dass sie aus sich selbst heraus bedeutsam sind. Sie haben nicht das Gefühl, dass sie bedingungslos geliebt werden, sondern nur, dass sie etwas leisten müssen, damit man sie anerkennt. So merkt man, dass unsere Gesellschaft auf Menschen aufgebaut ist, die versuchen sich Bedeutsamkeit zu verschaffen. Der Hintergrund dieses Bemühens heißt, dass sie nie das Gefühl hatten, dass sie schon hinreichend bedeutsam sind.

Kann man kleine Schritte der Veränderung setzen?

Um hier Änderungen herbeizuführen, müsste man Menschen das Gefühl vermitteln können, dass sie so wie sie sind, richtig, wichtig, wertvoll und bedeutsam sind. Wenn das gelänge, hätten wir sofort eine andere Welt.

Sie sprechen sehr viel Herz und Seele an. Kann das Hirn isoliert funktionieren?

Die Vorstellung, dass das Denken alleine funktioniert, geht sowieso nicht. Alles, was im Hirn passiert, hat Auswirkungen auf den Körper und alles, was im Körper passiert, hat Auswirkungen auf das Hirn. Wir werden auch nicht als Einzelwesen groß, sondern brauchen andere, deren Wissen wir aufnehmen. Wir sind soziale Wesen, wir hängen von den anderen ab. So wie dieser Körper zu uns gehört, so gehört auch das soziale System zu uns. Wenn man jetzt eine Veränderung möchte, kann man das nicht im Kopf allein, sondern man muss sie auch in der sozialen Welt herbeiführen.

Wenn man als junger Mensch nicht ernst genommen worden ist, speichert dies das Hirn bis ins hohe Alter ab?

Ja, klar. Das sind Erfahrungen, die im Hirn verankert werden und die Situationen werden auf zweifache Art und Weise im Hirn abgespeichert.

Bei einer Prüfungssituation kann ich mich genau erinnern, wie der Raum, der Dozent aussah und vielleicht sogar, welche Fragen gestellt wurden. Das ist der kognitive Anteil der Erfahrung. Gleichzeitig wird in meinem Hirn ein emotionales Netzwerk aktiviert. Das benutze ich, um später zu erzählen, wie es mir dabei gegangen ist, was ich da gefühlt habe. Diese beiden Netzwerke verbinden sich zu einem gekoppelten Netzwerk. Wenn man häufiger solche Erlebnisse hat, dann verdichten sich ähnliche Erfahrungen zu einer übergeordneten Ebene, einer Meta-Erfahrung. Man kann auch Haltung oder innere Einstellung dazu sagen. Die kann dann nach solchen Prüfungssituationen heißen: Ich bin nicht gut genug oder alle Prüfer sind bescheuert.

Je nachdem, welche Haltung man da entwickelt, läuft man dann los. Diese Haltung wird zur Grundlage der Bewertungen, wo man langgeht, oder was man für Entscheidungen trifft. Und dann merkt man plötzlich, dass so eine einzelne Situation dazu führt, dass ein junger Mensch einen Weg einschlägt, und man wundert sich, wo das herkommt. Auf einmal stellt sich heraus, es war diese eine komische Prüfungssituation, in der er so erniedrigt wurde.

Gibt es hier keinen Ausweg?

Die frohe Botschaft heißt, dass es nie zu spät ist, auf Menschen zu treffen, die das Gefühl geben, dass man bedeutsam ist, dass man über Fähigkeiten verfügt, die großartig sind. Dann kann sich das im Hirn neu verkoppeln. Es entsteht im Hirn eine Haltung, die nicht mehr heißt: Ich bin ein Versager. Sondern diese Haltung heißt dann: Auf mich kommt es an. Ich kann was. Ich will auch was vom Leben. Dann hat man plötzlich einen neuen Weg gefunden oder einen neuen geöffnet. Das Großartigste ist, jeder Bürger hat die Möglichkeit, einem anderen zu helfen, in seine eigene Kraft zurückzufinden.

Sie machen auch Mut, in jedem Alter etwas Neues anzugehen. Sie wollen die Leute aus der Komfortzone rausholen. Warum glauben manche, dass sie schon ausgelernt haben?

Das, was hinter diesem Verhalten und Denken steckt, ist die Einstellung. Ich bin jetzt alt genug und brauche nichts mehr zu lernen und ich richte es für mich lieber gemütlich ein. Bloß nicht noch irgendwas Neues im Leben. Diese ungünstige Haltung ist durch ungünstige Erfahrung entstanden und wir müssen Situationen entstehen lassen, die wieder Antrieb sind. Sie können keinen Menschen dazu zwingen, jetzt die Erfahrung zu machen, dass es schön ist, wenn er sich mit 60 Jahren für Salsa-Dancing interessiert, aber Sie können einladen, ermutigen, inspirieren, dass er sich nochmal aufmacht, Neues zu entdecken. Mit großer Wahrscheinlichkeit findet man etwas, was man sich sein ganzes Leben lang nicht getraut hat. Machen wir den Menschen Mut, sich nochmals zu verlieben, etwas zu lernen und zu erfahren.

Lebenslanges Lernen soll daher keine Qual sein, sondern Lust auf mehr machen?!

Wir kommen mit dieser unbändigen Lust am Lernen zur Welt und wenn die verschwindet, liegt das daran, dass sie uns von anderen Menschen geraubt wurde. Am Anfang des Lebens haben wir viel Freude beim Sprechen oder Laufen lernen. In dem Augenblick, wo man aber von außen Druck bekommt, kommt von innen nichts mehr raus. Das heißt, man unterdrückt die angeborene Lust am Lernen dadurch, dass man Menschen zwingt, etwas zu lernen, was man selbst nicht lernen will. Wenn die Freude am Lernen ausbleibt, entsteht Frust. Freude am Lernen bleibt immer dann aus, wenn man nicht weiß, warum man das lernen soll, wenn ich von anderen zum Lernen gezwungen werde.

Der neurobiologische Hintergrund heißt: Das Hirn ist kein Muskel, den man durch Auswendiglernen trainieren kann. Es ist auch kein Fass, in das man Wissen hineinschüttet. Es gibt Bereiche, vor allem der emotionale Bereich im Mittelhirn und das Frontalhirn, mit denen wir ständig prüfen, ob das, was uns angeboten wird und was die Welt uns bietet, für uns wichtig ist. Und wenn es wichtig ist, dann geht es unter die Haut. Da gehen im Hirn diese emotionalen Zentren an und es werden diese Botenstoffe ausgeschüttet, die ich so gerne „Dünger“ nenne, weil diese so ähnlich wirken und die Vernetzungen stärken. Deshalb müssen wir einfach sagen, dass Lernprozesse nur dann nachhaltig gelingen, wenn derjenige, der lernt, auch Freude daran hat.

Zurück zum Medizinischen. Die Volksmeinung ist, dass Teile des Hirns, je älter man wird, absterben. Gibt es andere Erkenntnisse Ihrer Forschungsarbeit?

Die Volksmeinung hat sich über die Jahrzehnte aufgebaut. Sie muss aus irgendwelchen Gründen wichtig gewesen sein, dass die Leute auch bereit waren, das zu glauben. Gewendet hat sich das erst, als wir mit Hilfe dieser so genannten bildgegebenen Verfahren in der Lage waren, solche Veränderungsprozesse im Hirn selbst zu sehen.

Funktionelle Kernspin- oder Computertomografie ermöglichen es zu sehen, wie sich im Hirn etwas verändert, wenn man etwas lernt. Da haben sich 60- bis 70-jährige Leute in den Kernspin gelegt, nachdem sie ein halbes Jahr Jonglieren gelernt haben. Auf einmal sind im Hirn Verschaltungen da, die vorher nicht da gewesen sind. Daran ist jetzt nicht mehr zu zweifeln, dass man bis ins hohe Alter noch etwas dazulernen kann. Das Problem ist ein völlig anderes, nämlich, dass die meisten Leute keine Lust haben mit 50, 60 oder 70 Jahren nochmal irgendwas Neues anzufangen oder zu lernen. Man fragt sich dann, warum das passiert ist und die Antwort lautet, dass ihnen schon in der Schule die Lust am Lernen ausgetrieben worden ist.

Darum auch Ihr Ansatz der „Kommunalen Intelligenz“. Gemeinsam geht es leichter.

Die Vorstellung, dass Lernprozesse nur in der Schule stattfinden, ist falsch. Wir alle lernen das ganze Leben lang in allen Situationen, wo wir unterwegs sind. Am meisten wird im Zusammenleben mit anderen gelernt. Wenn wir jetzt möchten, dass Menschen in einer Kommune plötzlich wieder Freude am Lernen bekommen und sich wieder auf ein gemeinsames Entdecken und Gestalten einlassen, dann müssten wir in der Kommune Gelegenheiten schaffen, wo sie das erfahren können. Das müssten Gelegenheiten sein, wo nicht nur Kindergartenkinder lernen, sondern wo alle Menschen, egal welchen Alters oder welcher Herkunft, gemeinsam anfangen, bestimmte Dinge zu erleben, vorzubereiten und umzusetzen. Diese gemeinsame Erfahrung lehrt, dass es ganz wichtig ist, wenn man mit anderen in einer guten Beziehung ist, einander begegnet und voneinander lernt.

Schaden die vielen technischen Hilfsmittel letztendlich unserem Gehirn?

Hier muss man sehr vorsichtig argumentieren, weil es natürlich stimmt. Immer dann, wenn sich der Mensch ein Werkzeug geschaffen hat, zum Beispiel ein Fahrzeug, mit dem er vorwärts fahren und Räume überbrücken konnte, und er nicht mehr laufen musste. Dadurch hat er gleichzeitig etwas verloren, nämlich die Fähigkeit, zu laufen.

Man sieht ja auch, wohin das bisweilen führt. Menschen können nicht einmal mehr ein paar Kilometer gehen, weil sie das Fahren gewöhnt sind.

Das gilt für all diese technischen Neuerungen und Entwicklungen. Inzwischen sind wir auch in einer Phase angekommen, wo wir Geräte herstellen, die uns auch noch das Denken abnehmen.

Jetzt sind wir auf einer Stufe angekommen, wo wir auch unsere geistigen Fähigkeiten durch Maschinen ersetzen oder von ihnen ausführen lassen. Ich glaube, es wäre an der Zeit, dass wir darüber nachdenken, was denn jetzt von uns noch übrigbleibt, wodurch wir uns am Ende von den Maschinen unterscheiden, die wir gebaut haben und die uns so viel abnehmen. Als Hirnforscher komme ich zu zwei Erkenntnissen. Erstens, die digitalen Medien und Maschinen können nichts wollen. Das ist das Privileg des Menschen. Da muss man auch lebendig sein, damit man etwas wollen kann. Das nennt man Intentionalität. Und Zweitens, die Kreativität. Das wären unsere beiden Trumpfkarten, die wir als Menschen haben, mit denen wir uns ewig von allem, was wir gebaut haben, unterscheiden.

Das Hirn ist permanent im Dauerbetrieb. Wie kann man Energie sparen?

Das Gehirn ist ein riesiger Energiefresser. Im Ruhebetrieb, also wenn ich flach auf der Erde liege und nichts denke, gehen 20 % der vom Körper bereitgestellten Energiemengen ins Hirn. Sobald ich anfange, zu denken oder gar ein Problem lösen will, steigt das exorbitant an. Das ist die Erklärung dafür, warum wir alle nicht gerne denken, schon gar nicht Probleme lösen und lieber so weiter machen, also im Lieblings-Energiesparmodus verbleiben. Wir kommen damit aber nicht weiter. Dann gibt es die Möglichkeit, dass man in einer Problemsituation, dieses erstmals mit einer kurzfristigen Lösung zu bewältigen versucht, damit man aus diesem energieaufwendigen Zustand herauskommt. Das führt aber zur Kurzsichtigkeit, die wir alle beklagen und forciert nur den schnellen Erfolg. Deshalb braucht man ein Ziel, dass man nicht so schnell erreicht.

Das hat dann etwas mit dem zu tun, mit dem sich Viktor Frankl so intensiv beschäftigt hat, nämlich, dass sich die Menschen der Frage stellen müssten, warum sie überhaupt da sind und welchen Sinn sie ihrem eigenen Dasein geben wollen. Dann hätte man etwas, wofür man bereit wäre, sich einzusetzen, wo man auch vom Hirn her nicht so große Widerstände hätte und wo man dann eben langfristig einen Zustand erreicht, dem man immer näherkommt. Man sagt dann: Es hat sich gelohnt. Es war ein gutes Leben.

Eine weitere Möglichkeit, um dies noch zu erreichen, wäre nicht nur dadurch, seinem Leben einen Sinn zu verleihen, sondern dass man sich gelegentlich fragt, was man für ein Mensch sein will. Will ich der, der ich jetzt bin, überhaupt sein? Es geht um Orientierung, es geht um die Ausrichtung seines persönlichen Kompasses und wie ich mit mir selbst und anderen umgehe.

Zum Wort Sinn füge ich noch das große Wort Würde hinzu. Wir Menschen sollten uns häufiger vor den Spiegel stellen und uns fragen, was wir unter der eigenen Würde verstehen, was wir mit Mitarbeitern, Kindern, Nachbarn oder mit Menschen, die aus schwierigen Situationen herkommen, machen.

Prof. Dr. Gerald Hüther

Deutscher Neurobiologe, im Volksmund auch Hirnforscher genannt.

Vorstand der Akademie für Potenzialentfaltung.

Tätigkeiten am Max Planck-Institut in Göttingen und an der psychiatrischen Klinik.

Bestsellerautor und international gefragter Referent.

Aktuelles Buch: Rettet das Spiel.

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