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Das Leben ist (k)ein Wunschkonzert!

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Der bekannte Psychologe und Autor Georg Fraberger macht mit seiner Geschichte, seinem Engagement und vor allem seiner Lebensfreude vielen Menschen Mut. Der 45-jährige Wiener lebt im Waldviertler Ort Langau und erlangte Bekanntheit durch seine zahlreichen Publikationen, u. a. „Ohne Leib und Seele“. Ohne Arme und Beine ist er auf die Welt gekommen.

Er meistert sein Leben, gibt seine Erfahrungen und sein Wissen als Referent und Seminarbegleiter weiter und ist beruflich als Psychologe im AKH Wien tätig.

„Ich finde es eine super Idee, dass sich das BhW Niederösterreich im Bereich der Erwachsenenbildung auch dem Thema des barrierefreien Zugangs widmet“, so Fraberger im Interview mit der Projektverantwortlichen „BhW barrierefrei“ Birgit Masopust und Kultur.Region.Niederösterreich-Geschäftsführer Martin Lammerhuber.

 

Wie gehen Sie mit Menschen um, die Ihnen aufgrund Ihrer Behinderung unsicher gegenübertreten?

Fraberger: Wenn jemand wirklich unsicher ist, dann bleibe ich einfach ruhig, nehme mich noch mehr zurück, damit ich meinem Gegenüber ein bisschen mehr Freiraum lassen kann.

Menschen, die Ihnen begegnen, spüren Ihre besondere Ausstrahlung, sehen Ihre leuchtenden Augen. Ist Ihre Gesichtsmimik aufgrund Ihrer Behinderung noch mehr von Bedeutung?

Fraberger: Ich möchte nicht gemocht werden aufgrund meines Körpers oder meines Verstandes, sondern als Mensch mit all meinen Fähigkeiten. Es ist immer der gesamte Körper. Als Psychologe sehe ich aber, dass es nicht nur die körperlichen Eigenschaften sind – versuche mich auch vom sogenannten Verstand unabhängig zu machen, sondern dass sich auch die Seele mitentwickeln kann.

Will das nicht jeder Mensch, ob mit oder ohne Behinderung?

Fraberger: Genau, es geht jedem so. Es ist nur die Frage, wie schafft man es, eine Identität zu bekommen und sich auch wohl zu fühlen mit den Dingen, die man nicht mag. Natürlich würde ich mich wohler fühlen, wenn ich etwas kompletter wäre und ich wäre blöd, wenn ich mir nicht wünschen würde, Hände und Beine zu haben. Letzten Endes macht es mich aber nicht aus. Auch als Psychologe versuche ich zu vermitteln, dass man nicht Hände oder Füße haben muss, um sich komplett zu fühlen. Natürlich würde ich meine Gliedmaßen brauchen, aber für meine Identität, für das, was mich ausmacht, brauche ich sie nicht.

Ihr Schicksal macht demütig und dankbar. Trotzdem muss jeder weiterkommen und auf sich selber schauen. Wie gehen Sie damit um?

Fraberger: Ich muss auch auf mich weiter schauen und muss dem Leben gegenüber demütig bleiben oder dem Schicksal der anderen Leute. Es gibt nur zwei Sorgen, die jeder Mensch hat: Das eine ist die Liebe und das andere ist das Geld. Im Prinzip kann man die Psychologie auf diese zwei Dinge runter brechen und damit auch jedes Leben. Ich habe dieselben Sorgen wie jeder andere. Ich möchte auch diese stetige, erfüllende Liebe und nicht nur eine Spitze, die danach wieder runtergeht. Ich möchte eine kontinuierliche, gleichbleibende und angenehme Beziehung haben. Und ich glaube, das muss sich jeder erarbeiten und da geht es nicht um Demut, sondern da geht es um die Frage: Wer bin ich? Wie kann ich mich und den Anderen so lassen?

Wie sehen Sie das Materielle?

Fraberger: Der Körper ist Materie. Ist das jetzt was Schlechtes? Wie kann ich diese Materie, meinen Körper, so lassen, wie er ist? Was machen aber wir Menschen? Ich kann den Körper nicht so lassen, denn ich muss ihn ja anziehen. Ich kann mich fragen: Wie mache ich meinen Körper wertvoller? Kaufe ich eine Uhr oder Ohrringe? Was passt zu meinem Körper und was passt nicht? Meine Prothese zum Beispiel, ich habe auch eine hautfarbene, wo man sogar Fingernägel sieht, aber irgendwie denke ich, das passt nicht zu mir. Ein Karbon-Unterarm und dann eine hautfarbene Hand dazu? Da schaue ich aus wie Micky Mouse. Nein, da habe ich lieber alles in schwarz. Ich muss schon eine Materie suchen, die zu mir passt.

Wie stehen Sie zu Piercings?

Fraberger: Meins wäre es nicht, aber warum nicht? Wenn meine Kinder das wollen, muss ich wahrscheinlich auch ja sagen (lacht).

Ein Kapitel in Ihrem Buch lautet: „Das Leben ist kein Wunschkonzert“. Jedoch kommt am Ende heraus, dass das Leben ein Wunschkonzert ist. Wie ist das zu verstehen?

Fraberger: Genau, das Leben ist ein Wunschkonzert. Es ist nur die Frage: Was möchte und darf ich mir wünschen?

Sie haben sehr viel mit Menschen zu tun. Merken Sie, dass die Unzufriedenheit steigt?

Fraberger: Unzufriedener ja, aber nicht unbegründet. Ich arbeite auf der Tumor-Station im AKH Wien. Was in den letzten Jahren aufgetreten ist, ist eine massive Kürzung der Sozialleistungen – überhaupt für junge, nicht verheiratete Frauen, aber auch für Männer, die nicht verheiratet sind.

Eine Zielsetzung des BhWs ist, Menschen einen barrierefreien Zugang zu Bildung und Kultur zu verschaffen. Was sind Ihre Erfahrungen dazu?

Fraberger: Das finde ich eine super Idee, dieser Zugang ist absolut wichtig!

Und in Bezug auf bauliche Barrieren?

Fraberger: Die baulichen Barrieren waren an der Uni oft ein großes Hindernis, denn es gab nur wenige Aufzüge und teilweise sind sie im Halbstock stehengeblieben und man musste 15 Stufen bewältigen. Einmal bin ich sogar beim Aussteigen aus einem Paternoster-Aufzug hinausgefallen und der Rollstuhl auf mich drauf. Mein Bruder hat den Notknopf gedrückt und mir wieder in den Rollstuhl geholfen.

Wie ist es Ihnen mit Ihren StudienkollegInnen gegangen?

Fraberger: Meine Brüder haben mich anfangs die Stiegen zum Hörsaal hinaufgetragen. An eine besondere Episode erinnere ich mich sehr gerne zurück. Ältere Studenten durften sich nicht für bestimmte Vorlesungen eintragen, da es Platzbeschränkungen gab. Ein Kollege von mir, ein Student des älteren Semesters, wollte aber unbedingt diese Prüfung ablegen. Eines Tages kam er auf mich zu und fragte: „Georg, du bekommst den Platz, aber du kommst die Stiegen nicht rauf. Wir machen es so, dass ich dich rauftrage. Dich nehmen sie, weil du jung bist und mich müssen sie dann nehmen, weil ich dein Träger bin!“ Das hat tatsächlich funktioniert!

Integration ist aber nicht nur baulich, sondern hat meistens eine soziale Komponente, die man nicht unterschätzen darf. Interessanterweise war diese eine Vorlesung für zehn Personen limitiert, jedoch nahmen nur sieben Studenten teil. Mein Kollege des älteren Semesters hätte also niemandem einen Platz weggenommen.

Menschen, die im Rollstuhl sitzen, artikulieren immer wieder, dass sie als gleichberechtigte Personen in der Gesellschaft gelten wollen, weil sie spüren, dass Menschen darüber anders denken.

Fraberger: Das ist eine Eigenartigkeit, der ich auch begegne – die mache ich vor allem, wenn ich auf Urlaub bin.

Wie denken Sie über Inklusionsfeste, wo der Rahmen geschaffen wird, dass behinderte Menschen Nichtbehinderte treffen?

Fraberger: (lacht) Das amüsiert mich, denn es gibt einen Inklusionsball. Zur Inklusion gehören drei Gruppen: Ausländer, Homosexuelle und Behinderte. Nur diese drei Gruppen treffen sich auf dem Ball. Ich finde das sogar gut. Die Ersten, die da sind, sind die Behinderten. Die sind aufgemotzt, geschminkt und schön angezogen. Dann kommen die Personen mit Migrationshintergrund, die Leben in diesen Ball bringen, denn die tanzen, sind präsent, stürmen das Buffet und genießen das Essen. Anschließend kommen die homosexuellen Menschen, die die sexuelle Energie und die Liebe mitbringen. Das finde ich gut, denn das ist bei Menschen mit Behinderung ein Tabu-Thema. Ich finde, dass sich diese drei Gruppen gegenseitig ergänzen. Diese drei Extreme würden sich sonst nie treffen. Da wir in der Gesellschaft die Normalität der Begegnungen noch nicht erreicht haben, braucht es solche Events. In der sogenannten „normalen“ Gesellschaft ist man oft noch Außenseiter.

Wir haben eine neue Bundesregierung. Hatten Sie in den letzten Jahren Kontakt mit den Behindertensprechern der Parteien?

Fraberger: Ja, mit Franz-Joseph Huainigg habe ich Kontakt gehabt, auch privat. Wir waren die letzten zwei Jahre gemeinsam mit unseren Familien auf Urlaub. Die Behindertensprecher haben oft eine Idee, aber ich bemerke, dass sie sich lediglich am Rande befinden. Eigentlich sollten sie Ethik-Sprecher sein. Es sollte nicht nur um Behinderung gehen, sondern Behinderung und Ethik! Das wäre dann ein weiterer Begriff und es hätte etwas Sozialpolitisches und nicht nur Behinderungspolitisches.

Sie sind ein körperlicher Mensch. Wie gehen Sie im Alltag mit Spontanität um?

Fraberger: Im Spital ist alles rollstuhlgerecht, hier kann ich spontan sein. Die Behinderung zwingt mich auch zu viel Spontanität, allerdings im kleinen Bereich. Wenn ich mit meiner Frau abends schön essen gehe und vor Ort bemerken wir, dass es nur Stiegen ins Restaurant gibt oder der Aufzug kaputt ist, dann ist der Abend einfach nicht so wie geplant. Ich muss mir dann etwas anderes überlegen und wir gehen einfach woanders hin. Ich könnte zum Beispiel nicht spontan nach England fliegen oder kurz vorher buchen, denn als Mensch mit einer Behinderung braucht man immer noch ein Gesundheitszeugnis – ein Gutachten von zwei Ärzten, von einem Internisten und einem Allgemeinarzt.

Ein bewegender Satz aus Ihrem Buch lautet: „Wer sich selbst erkennt und sich erkennen lässt, im Sinne von geliebt und akzeptiert zu werden, ist auf dem besten Weg, glücklich zu werden.“ Wie geht es Ihnen damit?

Fraberger: Ich bin glücklich, auch wenn es nicht immer lustig ist. Wenn mich die Leute fragen, wie es mir geht, dann antworte ich zum Beispiel: „Mir geht es gut, aber ich fühle mich heute nicht wohl.“ Ich bin einmal geschieden, ein Kind wohnt nicht bei mir. Bald wohnen aber wieder vier Kinder bei mir. Es geht mir gut als Familienvater, aber es ist natürlich, so wie bei allen anderen, eine tägliche Auseinandersetzung.

Ist die Suche nach Glück ein Problem, das uns überfordert?

Fraberger: Die Frage muss lauten: „Was können wir Sinnvolles tun?“ und nicht „Was macht uns glücklich?“ Wenn ich in der Woche viel arbeite, würde ich auch lieber mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen. Es ist aber gleichzeitig auch sinnvoll zu arbeiten. Die Frage nach dem Sinn des Lebens müssen wir uns sowieso immer stellen.

Lässt dies die Leistungsgesellschaft überhaupt zu?

Fraberger: Durch Druck und der immer schneller werdenden Abläufe kann es zu einem Burnout kommen. Aber das ist nichts anderes als ein körperliches Symptom, das einfordert, geschätzt, respektiert und geliebt zu werden. Ich sehe als Psychologe viele Menschen mit Burnout. Die scheitern aber nicht am Beruf, sondern an ihren Kollegen.

Fühlen sich immer mehr Menschen im Job bedroht und kommen mit dem Tempo nicht mehr mit?

Fraberger: Leistung steht leider oft ganz oben auf der Skala. Das geht aber nicht immer, denn viele können nur das leisten, was sie können. Es geht auch um das Erlangen von Selbstsicherheit. Wir müssen wieder lernen, dass sich Menschen mit anderen mitfreuen. Als Psychologe versuche ich oft, manchen Neid in Gültigkeit oder in Toleranz umzuwandeln – das ist dann einer der nächsten Schritte zum Glück.

Wie gehen Ihre Kinder mit Ihrer Behinderung um?

Fraberger: Meine Kinder haben einen guten Zugang, denn wenn andere Kinder nicht wissen, was eine Prothese ist, dann sagen sie: „Na die Roboterhand von Papa.“ Kinder finden schneller Begriffe, die sozial akzeptiert sind. Mein Rollstuhl ist für sie wie ein Segway, das wäre mir als Begriff nie eingefallen.

Wie sehen Sie die Digitalisierung, das Internet und Social Media?

Fraberger: Alleinsein ist für Menschen sehr schwierig. Das Internet bietet hier eine Fluchtmöglichkeit, damit man die Einsamkeit scheinbar übersteht. Es ist wichtig, dass man sich eine eigene Meinung bildet, dass man aus dem möglichen Alleinsein lernt und wenn man nur Menschen in sozialen Medien findet, die die selbe Meinung haben, fehlt ein gewisses Maß an Bildung. Meine Frau habe ich übrigens im Internet kennengelernt (lacht).

Sie können nicht im Sinne von „Anfassen“ begreifen. Sind Sie dadurch feinfühliger als andere Menschen?

Fraberger: Von Beruf bin ich Psychologe. Ich sehe mich als Fühler und ich habe Fühler, wie eine Schnecke (lacht).

Die Seele ist immer der Kern des Menschen. Wie denken Sie über Glückseligkeit?

Fraberger: Es ist etwas Momentanes. Diese Glückseligkeit muss man sich jeden Tag neu machen. Im Spital schafft man das relativ leicht, weil es so einfach ist, durch meine Pflicht zu helfen und ich freue mich, wenn ich jemandem helfen kann. Ich finde, man muss mehr sehen, dass jeder jeden braucht, das ist das Allerwichtigste. Der Patient, der Arbeitgeber, der Arzt oder der Arbeitslose.

 

Interview: Birgit Masopust und Martin Lammerhuber, erschienen im "schaufenster Kultur.Region" Februar-Ausgabe

Dr. Georg Fraberger:
Geboren 1973 ohne Arme und Beine, verheiratet, Vater von vier Kindern (das fünfte Kind ist unterwegs). Wohnt in Langau/NÖ und in Wien. Arbeitet als Psychologe im AKH Wien.
Bestsellerautor „Ohne Leib und Seele“ (2013), aktuelles Buch „Wie werde ich Ich“ (erschienen Residenz-Verlag).

 

BhW Wordrap:   

Kunstliebhaber:
Wenn ich mehr Budget hätte, würde ich in Kunst investieren.

Kulturgenuss:
Mein Vater war Schneider an der Oper, daher gehe ich schon mein Leben lang in die Oper.

Liebe:
Das große Lebensthema.

Wünsche:
Auto, Geld, Liebe, Sicherheit.

Macht:
Wenn sie beschützend eingesetzt wird, ja.

Diskriminierung:
Tut weh.

Frauen:
Schön anzuschauen.

Landeshauptfrau:
Ja, endlich!

Schutzengel:
Ich habe hoffentlich zwei.

Glaube:
Spätestens im Spital beginnt man wieder an einen Gott oder an einen Sinn zu glauben.

Seelsorge:
Wird unterschätzt, auch die Bedeutung der Seelensorge. Das Wort Seele ist in meinem Studium kein einziges Mal vorgekommen, was als Psychologe fast erschreckend ist.

Musik:
Die Essenz des Lebens, so wie Liebe.

Psychologe und Autor Georg Fraberger im Interview mit Martin Lammerhuber (Holdinggeschäftsführer der Kultur.Region.Niederösterreich GmbH) und Birgit Masopust (BhW Projekt BEN - barrierefrei) - Foto (c) Moni Fellner

Psychologe und Autor Georg Fraberger - Foto (c) Moni Fellner

Das Buch von Psychologe und Autor Georg Fraberger - Foto (c) Moni Fellner

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