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BhW präsentiert Bestsellerautor Liessmann

Hauptinhalt:

Er gehört zu den großen Philosophen im deutschsprachigen Raum: Konrad Paul Liessmann. Mit seinem neuesten Buch „Bildung als Provokation“ hat er genau das erreicht, was er möchte. Zu provozieren und zum Nachdenken anregen.

Am Dienstag, 21. November, 20 Uhr ist Konrad Paul Liessmann zu Gast im Cinema Paradiso in St. Pölten. Das BhW ist Kooperationspartner.

Vorverkaufskarten: EUR 14,-.
Bitte um rasche Reservierung, fast ausverkauft!

Tickets können gekauft werden:

  • an der Kinokassa (Kassa öffnet halbe Stunde vor der ersten Vorstellung)
  • auf Ö-Ticket
  • in den Filialen der Bank Austria
  • Mit der Cinema Paradiso Card kann man mit aufgebuchten Guthaben Tickets auch telefonisch an der Kinokassa kaufen.

Im aktuellen "schaufenster Kultur.Region" finden Sie das BhW-Interview mit dem Autor. Die Langfassung lesen Sie hier:

 

BhW-Interview mit Konrad Paul Liessmann: „BILDUNG IST EIN LEBENSPROJEKT“

Der renommierte Philosoph Konrad Paul Liessmann im BhW Interview mit Martin Lammerhuber über Bildung und Gebildetsein, Wissen und Neugier, Handwerk und Hausverstand.

Wer in der Politik und in der Gesellschaft den Begriff Bildung verwendet, gibt sich den Anstrich, modern zu sein. Haben Sie deshalb „Bildung als Provokation“ als Titel für Ihr neues Buch gewählt?

Liessmann: Genau gegen diese inflationäre Verwendung des Begriffs Bildung wendet sich mein Buch. Es reden zwar alle von Bildung, aber gemeint sind meist problematische Bildungsreformen, es geht um neue Medien, Organisationsfragen und das permanente Umschreiben der Lehrpläne. Dazu kommt die Tendenz zu glauben, dass Bildung alle Probleme löst: soziale Ungleichheit, Integration, Emanzipation, Umwelt. Bildung klingt immer gut, niemand würde sich gegen sie aussprechen, eher im Gegenteil: Mehr Bildung zu fordern, kostet nichts. Aber es bleibt der Eindruck, dass man nicht weiß, was Bildung wirklich ist. Bildung steht nämlich für ein bestimmtes Wissen, für bestimmte Fähigkeiten, Kenntnisse und Ausdrucksvermögen. Aber schon bei den grundlegenden Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben liegt einiges im Argen.

Ist Bildung für Sie gleich Wissen und übersieht man hier oft den Menschen, also den Gebildeten?

Liessmann: Es geht um Wissen, das ist gar keine Frage. Bildung ist allerdings nie ident mit Wissen gewesen. Wissen ist zwar ein wesentliches Element, aber ich kann Bildung nicht darauf reduzieren. Das Entscheidende ist: Was mache ich mit diesem Wissen, was verstehe ich damit besser, wie wirkt Wissen auf mich selber und wie wirkt dieses Wissen auf mein Verhältnis zu meiner näheren und ferneren Umgebung? Befähigt mich dieses Wissen, mich zu formen, Dinge besser zu verstehen und an der Gesellschaft als mündiger Mensch teilzunehmen? Es geht in hohem Maße auch darum, dass die Neugier aufrechterhalten wird. Es geht darum, sich durch Bildung und Selbstbildung darüber klar zu werden, welches Leben man leben will, was die erstrebenswerten Ziele sind, wie wir mit Konflikten umgehen, was bedeutet, in einer Gesellschaft verantwortungsvoll zu agieren. Der Gebildete verfügt über ein grundlegendes Wissen, das es ihm erlaubt, sich kritisch neues Wissen zu erschließen, er verfügt über Urteilskraft und über eine Haltung. Es geht bei Bildung nie nur um formale Kompetenzen. Ich habe aber das Gefühl, dass man in unserem Bildungssystem auf das grundlegende Wissen nicht mehr achtet, weil man dem Irrtum verfallen ist, dass sich alles googeln lässt. Und ich habe den Eindruck, dass durch die gepriesene Kompetenzorientierung an den Schulen die Neugier verloren geht, weil Kinder und Jugendliche nicht mehr erfahren, wie lustvoll es sein kann, wirklich etwas Bestimmtes zu wissen, sich auszukennen, etwas zu verstehen.

Ist ein Grundproblem also, dass man glaubt, dass Wischen statt Wissen die Probleme löst und den Menschen die kurzfristige, schnelle Information reicht?

Liessmann: Ja, natürlich. Wir sind keine Wissensgesellschaft, sondern bestenfalls eine Informationsgesellschaft. Keine Frage: Es ist etwas Wunderbares, schnell an Informationen zu kommen, und das Internet bietet da ungeahnte Möglichkeiten. Allerdings muss man zwei Dinge berücksichtigen. Erstens: Viele Informationen kommen schon gefiltert zu uns, werden also selektiert, ohne dass wir wüssten, nach welchen Gesichtspunkten dies geschieht; und deshalb muss man immer schon gute Kenntnisse haben, um Suchergebnisse bewerten zu können. Und das Zweite ist: Informationen werden erst dann zu wirklichem Wissen, wenn sie in einen größeren Zusammenhang eingebettet werden können, wenn sie benützt werden können, um etwas besser zu verstehen.

Sie schreiben auch, dass durch die Digitalisierung das Handwerkliche verloren geht. Wie sind Sie auf das Thema Handwerk gekommen?

Liessmann: Durch die Automatisierung sind natürliche menschliche Tätigkeiten, die in hohem Maße mit der Hand erledigt wurden, überflüssig geworden. Das ist auch erfreulich, Handarbeit war ja oft auch beschwerlich und gefährlich. Aber was bedeutet es, wenn unsere Hände gar nichts mehr zu tun haben? Wir werden bald nicht einmal mehr am Tablet wischen müssen, sondern unseren digitalen Assistenten nur mehr diktieren und befehlen. Wir steuern aufgrund dieser technischen Möglichkeiten auf eine Gesellschaft zu, die oral und bildgeprägt ist – so wie die Gesellschaften vor Erfindung der Schrift. Entwicklungspsychologische Untersuchungen zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen unserer Fähigkeit gibt, mit den Händen alles Mögliche zu machen, und der Gehirnentwicklung. Wenn Kinder in einer Umwelt aufwachsen, in der sie mit den Händen nichts mehr tun müssen, weil es einfach genügt, das Smartphone mit Wischbewegungen oder gar mündlichen Befehlen zu bedienen, könnte es zu einer eingeschränkten Entwicklung der kognitiven, aber auch emotionalen Fähigkeiten kommen. Das sagen Psychologen. Ich als Philosoph kann das nicht wirklich beurteilen. Es ist aber klar, dass durch die Entlastung der Hände eine Form von Verarmung eintritt.

Wie kann man Menschen Mut für lebenslanges Lernen machen?

Liessmann: Wenn heute von lebenslangem Lernen gesprochen wird, dann meint man meist die Anpassung an neue Anforderungen im Job. In unserer modernen Lebenswelt ist das sicher ein wichtiger Aspekt, aber nicht der einzige. Bildung ist ein Lebensprojekt. Es geht darum, dass man sich ein Leben lang eine gewisse Neugier bewahrt und dass man nicht saturiert ist. Im zunehmenden Alter mache ich nun auch die Erfahrung, dass das, was ich einmal für ungeheuer wichtig und wahr gehalten habe, sich mittlerweile relativiert hat; immer wieder entdecke ich Dinge, von denen ich sehr lange keine Ahnung hatte, und mache die Erfahrung, dass mich jetzt plötzlich etwas brennend zu interessieren beginnt, das ich bislang ignoriert habe. Man muss die Neugier und die Offenheit aufrechterhalten, ganz egal in welchem Bereich man tätig ist und wo man lebt. Wir leben in einer Welt, in der die Lebenserwartung dramatisch angestiegen ist. Dies bietet uns die Möglichkeit, im sogenannten dritten Lebensabschnitt neue Dinge zu tun, für die man sich vorher nicht Zeit genommen hat. Das alternde Gehirn ist vielleicht nicht mehr so leistungsfähig wie das jugendliche – ganz klar –, aber bestimmte Formen von Lernfähigkeit kann man sich bis ins hohe Alter bewahren. Menschen hier zu ermutigen, sich weiter zu beschäftigen, scheint mir sehr sinnvoll zu sein.

In einem Kapitel Ihres Buches geht es um das Thema Abfall. Was also hat noch wirklichen Wert?

Liessmann: Keine Kultur hat so viel Abfall produziert wie die unsrige. Wir versuchen den Abfall und die Abfallbeseitigung so zu gestalten, dass wir eigentlich nichts davon merken. Die Abfallwirtschaft ist eine Riesenindustrie und der Abfall, den wir produzieren, ist in hohem Maße anorganisch und kann in den Naturkreislauf nicht mehr rückgespeist werden. Wir sollten eine Gesellschaft nicht nur anhand der Güter beschreiben, die für wertvoll empfunden werden, sondern die damit verbundenen Produktionsprozesse und die Abfallprodukte aufzeigen – von den Plastiksäcken bis zum Atommüll. Wir haben viele ungelöste Probleme, und es gibt kaum einen technischen Fortschritt, der nicht die Abfallberge weiter wachsen lässt. Manche Kritiker halten aber diese Beschäftigung mit den Ausscheidungsprodukten unserer Zivilisation eines Philosophen für unwürdig. Ich sehe das anders.

Ist das Thema Bildung oder Wissen nicht der umweltfreundlichste Wert, den wir besitzen?

Liessmann: Bildung als Streben nach Erkenntnis um ihrer selbst willen ist umweltfreundlich. Wissen kann allerdings auch technisch und technologisch angewandt werden und hier ändert sich das Ganze. In bestimmten Technologien – wie zum Beispiel der Atomindustrie – steckt unglaublich viel physikalisches Wissen. Sobald es technisch umgesetzt wird, hat es positive, aber auch extreme negative Seiten. Und deswegen muss man auch dem Wissen gegenüber auch selbstkritisch sein und es durch eine Haltung, ein Ethos, begleiten.

Fängt ein Philosoph mit dem Begriff „Hausverstand“ etwas an?

Liessmann: Aber natürlich. Denn ich glaube, man sollte den Hausverstand nicht einer Lebensmittelkette überlassen. Der Hausverstand als unsere natürliche Begabung, vernünftig und selbstkritisch zu denken und zu urteilen, ist die Basis aller Bildung, allen Wissens und aller Wissenschaft. Natürlich kommt man schnell an Grenzen, wo sich der Hausverstand versagt. In den Naturwissenschaften ist es zum Beispiel schwer, sich die subatomare, die kosmische oder die Quantenwelt vorzustellen. Der Hausverstand ist aber die Grundlage für das Zusammenleben der Menschen.

Was hat Ihnen Ihr Hausverstand in der Wahlkampfzeit gesagt?

Liessmann: Manche Wahlkampagnen, wie sie in Österreich geführt worden sind, macht man einfach nicht. Der einen oder anderen Partei hätte es durchaus mehr nützen können, wenn man sich auf den Hausverstand verlassen hätte und nicht auf Gurus, Berater oder Spindoktoren.

Nietzsche hat einmal gesagt: „Wenn einem nicht 2/3 des Tages selbst gehören, dann ist man ein Sklave.“ Brauchen wir mehr Mut zur Faulheit und hetzen wir ihr hinterher?

Liessmann: Nietzsche hat da eher an eine alte, antike Tradition angeschlossen. „Frei ist derjenige, der über seine Zeit frei verfügen kann.“ Der Mensch unterliegt natürlich gewissen Lebensrhythmen. Er muss Geld verdienen, seine Familie versorgen und aufgrund der Arbeitszeit hat man schon ein relativ großes Stück an Freiheit verloren. Der Gedanke, dass durch mehr Freizeit und weniger Arbeitszeit die Freiheit zunimmt, ist ein bisschen ins Wanken geraten, denn wir organisieren die Freizeit ähnlich wie die Arbeitszeit und schaffen uns selbst Stress, weil wir bestimmte Leistungsanforderungen an uns haben. Durch die neuen Technologien ist die Trennung von Arbeitszeit und Freizeit nicht mehr so leicht aufrecht zu erhalten, und das ist für viele Firmen ein mittlerweile erkanntes Problem. E-Mails abrufen, schnell übers Internet etwas erledigen oder etwas schreiben – das alles kann ich auch in der Nacht, am Wochenende oder im Urlaub erledigen, wodurch die Trennung von Arbeitszeit und Freizeit immer unklarer wird.

Sind Sie als Universitätsprofessor hier ein Privilegierter oder trennen Sie Freizeit und Arbeitszeit ganz genau?

Liessmann: Von meiner ganzen Biografie her und im Rahmen meiner privilegierten Tätigkeit habe ich selbst nie das Gefühl, zwischen Freizeit und Arbeitszeit großartig unterscheiden zu müssen, zumal es sich bei mir in hohem Maße um eine selbstbestimmte Arbeit handelt. Ich kann mir die Zeit meiner Vorlesungen und die Themen, über die ich sprechen will, frei wählen und ich kann mir bei anspruchsvolleren Seminaren sogar die Studenten aussuchen, mit denen ich arbeiten will. Für mich hört die Arbeit auch in der Freizeit nicht auf. Wenn ich auf meinem Rennrad sitze, dann denke ich nach, überlege mir den nächsten Aufsatz oder konzipiere eine Vorlesung. Wo ist jetzt Freizeit und wo ist Arbeitszeit?

Ganz direkt, also vor dem Fernseher in der Trainingshose lümmelnd, so kann ich Sie mir nicht vorstellen.

Liessmann (lacht): Nein, das tue ich auch nicht. Mit dem Fernsehen habe ich schon vor mindestens 30 Jahren aufgehört. Das ist für mich eine der sinnlosesten Tätigkeiten, denn ich habe nicht das Gefühl, dass mir irgendetwas an relevantem Wissen oder Informationen entgeht.

Außer Sie treten bei ORF III in philosophischen Zirkeln auf.

Liessmann: Auch das brauche ich mir nicht anschauen, weil ich ja selbst dort war.

 

Interview: Martin Lammerhuber, erschienen im "schaufenster Kultur.Region" November-Ausgabe

Konrad Paul Liessmann, geb. 1953 in Villach, ist Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Uni Wien, Essayist und Kulturpublizist, seit 1996 wissenschaftlicher Leiter des Philosophicum Lech.

TIPP Konrad Paul Liessmann:
Bildung als Provokation, Zsolnay Verlag, EUR 22,70, www.hanser-literaturverlage.de

 

BhW-Wordrap

Mülltrennung
Ein Phänomen, wo der private Konsum in Arbeit ausartet.

Selbstbeschädigung
Der Mensch ist das einzige Wesen, das die Fähigkeit hat, sich selbst zu beschädigen. Erstaunlich, mit welcher großen Lust wir Selbstbeschädigungen aller Art an uns vornehmen.

Erwachsenenbildung
Wenn sie nicht nur als Qualifikation für einen Beruf verstanden wird, ist sie ident mit Bildung; diese hört nicht auf mit 18 Jahren. Federpennal Schöne, alte Zeiten, als man mit der Hand noch schreiben konnte. Bald wird es solche Dinge nur noch im Museum geben, und in alten Filmen wird man dann Menschen bewundern können, die noch eine Handschrift beherrschten.

Museum
Museen sind für mich Aufbewahrungsstätten, Erinnerungsstätten an das Vergangene oder für das Vergangene, um vielleicht für die Gegenwart daraus zu lernen. Vollkommen sinnlos erscheint mir ein Typus des Museums der Gegenwart, denn das Museale ist dadurch definiert, dass es schon vorbei ist.

Volkskultur
Volkskultur richtig verstanden, sind die kulturellen Zusammenhänge, in denen Menschen leben. Wenn sie aber mit einer gnadenlos seichten Unterhaltungsindustrie verbunden wird, dann sollte man darauf verzichten.

Selfie
Die moderne, zeitgenössische Form des Narzissmus, also die Verliebtheit in das eigene Bild, wogegen noch nichts zu sagen ist. Problematisch ist, dass Selfies nicht nur selbst oder von den nächsten Angehörigen betrachtet werden, sondern dass alle Welt damit belästigt wird.

Informelles Lernen
Unglaublich wichtig, denn wir lernen nahezu in jeder Situation. Jede Erfahrung kann uns auf etwas aufmerksam machen, uns prägen, berühren und uns dazu führen, dass wir wieder neugierig werden.

Konrad Paul Liessmann - Foto (c) Moni Fellner

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