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Am Schirm und mit Charme

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Sie sind seit den 1980er Jahren als Journalistin tätig und jetzt Korrespondentin in Washington. Ist dies ihr bisheriger Karrierehöhepunkt?

Ja und nein. Die ZiB-Moderation war sicher der Job im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Journalistisch gesehen ist es spannender, Korrespondentin und Bürochefin in Washington zu sein. Hier bin ich für das gesamte Produkt verantwortlich, von der ersten Recherche bis zum letzten Feinschliff, von der Liveschaltung bis zur Bereitschaft, sich sofort ins Flugzeug zu setzen und in ein Krisengebiet zu fliegen, wenn Unvorhergesehenes ausbricht. Es ist vor allem der Job, den ich immer schon machen wollte.

In den 1990er Jahren waren Sie ZiB1-Star. Was waren für Sie die besonderen Ereignisse, über die Sie in Ihrer ZiB-Karriere berichtet haben?

Das wirklich herausragende Ereignis war die Sondersendung am 11. September 2001. Innerhalb von Minuten war ich damals auf Sendung. Was als kurze Sondersendung begann, ist zur längsten Sondersendung des ORF geworden ist. Es waren unglaublich intensive Stunden, die ich damals live kommentiert habe. Ich habe jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Besonders gerne habe ich auch Wahlsondersendungen moderiert, vor allem Nationalratswahlen und die US-Wahlnächte seit 1996.

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Sie berichtenswerte News versäumen könnten?

Natürlich wäre ich als Korrespondentin am liebsten überall sofort zur Stelle, wenn zum Beispiel ein Terrorakt passiert oder ein schwerer Hurricane droht. Es ist aber immer ein Abwägen, ob es sich tatsächlich auszahlt, vor Ort zu sein, ob man überhaupt rechtzeitig dort sein kann oder auch, ob die politische Tangente der Breaking News nicht eher doch in Washington ist.

Die Ära Trump hat politisch so begonnen, wie es sich im Wahlkampf schon angekündigt hat. Wie sehen Sie Donald Trump und hat es persönliche Begegnungen gegeben?

Ich habe mit Trump nie persönlich gesprochen – er gibt kaum Interviews, und schon gar nicht ausländischen TV Sendern – war aber bei Wahlveranstaltungen.

Sehen Sie auch, dass die Kluft zwischen den USA und Europa größer geworden ist?

Absolut. Trump hat bei seiner Europareise im Mai mit seinen abschätzigen Bemerkungen und seiner versteinerten Miene gezeigt, dass ihm Europa egal ist. Für Europa vielleicht eine Chance, angesichts der Abkehr der USA enger zusammenzurücken.

Dass Trump gewinnt, wurde von den Medien und Meinungsmachern nicht vorausgesagt. War man mit der Basis nicht mehr verbunden?

Das war sicher der Hauptgrund. Medien und Meinungsmacher wollten nicht glauben, dass Trump gewinnen könnte, und haben einfach weggeschaut, haben völlig unterschätzt, wie groß der Frust der Amerikaner abseits der urbanen Zentren ist.

Sie sind seit Jahren international unterwegs, sind mit einem Franzosen verheiratet. Wo ist Ihre Heimat?

Meine Heimat ist Österreich. Besonders wenn man viel weg ist, lernt man die Vorzüge Österreichs zu schätzen – wunderschöne Landschaft, Städte mit einem enormen Kulturangebot. Dazu gehört auch: Österreich ist ein Land mit jahrtausendealter Kultur.

Sie lieben Österreich, aber welche Eigenschaften anderer Länder gefallen Ihnen besonders?

Hier in den USA ist es die Offenheit der Menschen auf persönlicher Ebene – trotz der Anti-Ausländerrhetorik Donald Trumps. Mir gefällt auch der Stolz auf das Land, der – zugegeben – manchmal total überzogen ist, aber ich denke, ein bisschen davon könnten sich die Österreicher abschauen.

Ihr Tätigkeitsfeld ist sehr breit und interessant. Wie denken Sie über den Begriff des lebenslangen Lernens?

Das ist ein absolutes Muss – gerade für Journalisten unumgänglich. Man lernt bekanntlich nie aus.

Wie sieht in den USA, im Vergleich zu Österreich, der Bereich der Erwachsenenbildung aus? Vorträge, Bildungsveranstaltungen über Politik, Umwelt, Soziales bis hin zu Angeboten der Persönlichkeitsbildung.

Politisch sind die Amerikaner sehr bewandert. Sie wissen um ihre Rechte Bescheid, zitieren oft die Verfassung. Die direkt und persönlich gewählten Abgeordneten in Washington müssen sich zu Hause in den Bundesstaaten Treffen mit Wählern stellen, die manchmal sehr kontroversiell sind. Die Unterschiede bei Bildungsangeboten sind regional sehr unterschiedlich: Ich war im vergangenen Herbst im ärmsten Teil Mississippis, wo vor allem Schwarze leben. Dort gibt es so gut wie keine Angebote, die Menschen fühlen sich vergessen vom Rest Amerikas. In anderen Regionen, vor allem um die großen Städte, ist das Angebot reichhaltig.

Sie sind in Stockerau in die Schule gegangen. Wie sieht jetzt Ihre Beziehung zu Stockerau aus?

Mein Vater ist 96 und lebt in Stockerau, das heißt ich komme bei jeder Österreichreise auch nach Stockerau. Ab und zu gelingt es auch, ein Treffen mit meinen Schulfreunden aus der Gymnasiumzeit zu organisieren – für mich ist es schön und wichtig, den Kontakt aufrechtzuerhalten.

Sind Sie auch in eine Musikschule gegangen?

In der Musikschule in Stockerau hatte ich Klavierstunden. Viel Freude wird meine Klavierlehrerin aber nicht gehabt haben: Ich war ein absolutes Anti-Talent.

Verfolgen Sie die kulturellen Entwicklungen in Niederösterreich?

Die Weinkultur in Niederösterreich, das muss ich immer wieder feststellen, hat sich beachtlich entwickelt. Und weit draußen am Land findet man exzellente Restaurants und Wirtshäuser, auch kulturell hat Niederösterreich immer mehr zu bieten, hier ist sehr viel passiert.

Alles wird schneller. Wo und wie entschleunigen Sie?

Das ist eine gute Frage. Hier in Washington bleibt dazu nicht viel Zeit. Österreich wäre ja im Prinzip entspannend, ich versuche dann aber immer zu viel in ein paar Tage hineinzupacken, möglichst viele Freunde zu treffen… also bleibt mir fast nur Südfrankreich im Sommer. Das sind dann zwei Wochen Nichtstun.

Machen Sie sich als zweifache Mutter besonders Sorgen, ob die nachfolgenden Generationen anlässlich der Klimaveränderung noch eine lebenswerte Welt vorfinden?

Solange wir uns des Problems bewusst sind und Schritte dagegen setzen, mache ich mir keine Sorgen. Ich bin ein optimistischer Mensch.

Interview: Martin Lammerhuber

 

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Zeitverschiebung
6 Stunden sind zäh

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Hannelore Veit:
Geboren in Wien, aufgewachsen in Stockerau; verheiratet, zwei Kinder. Studium an der University of Notre Dame „Master of Arts“, Magister der Philosophie in Wien. Zunächst Dolmetscherin, freie Journalistin, Japan-Korrespondentin und seit 1989 für den ORF tätig. ZiB1-Moderatorin, Wirtschaftsmagazin EURO Austria; seit 2013 ORF-Büroleiterin in Washington D.C.

(c) Fotos M. Fellner

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